Unsere Einordnung

Klimaschutz ist eine politische Gratwanderung. Stabilität und Stringenz in der Klima- und Energiepolitik sind nur möglich, wenn die Transition ohne zu große gesellschaftliche Brüche vollzogen wird. Auseinandersetzungen über die soziale Dimension der Energiewende werden also zunehmen. 

Die Auswertung unserer Umfrage unterstreicht die Relevanz der gesellschaftlichen Dimension, da das Thema Klimawandel in bestimmten Bevölkerungsgruppen als deutlich relevanter wahrgenommen wird als in anderen, und auch die Akzeptanz von ambitionierten Klimaschutz-Maßnahmen von sozio-ökonomischen Faktoren abhängt. Interessant ist zu beobachten, dass die regionalen Gegebenheiten hier eine weit wichtigere Rolle spielen als bislang angenommen. Sind es die jungen, gebildeten, prosperierenden, städtischen Gebiete, in denen Klimawandel und Energiewende die höchste Akzeptanz erfahren, erscheint es notwendig den Blick eben auf solche Regionen zu richten, die sich ablehnender äußern. Wie kommt es, dass das Thema Klimawandel in ländlichen Regionen mit weniger jungen Erwachsenen und einem geringeren Bildungsstand auf wenig Gegenliebe stößt? Und welche Implikationen für eine erfolgreiche Klima-Politik lassen sich daraus ableiten?

Es scheint, dass das Gefühl, in einer zukunftsgewandten Region zu wohnen, mit einer Offenheit und Unterstützung von Klimaschutz-Themen einhergeht. In Orten, die durch die Abwanderung junger gebildeter Menschen, den Wegzug von Unternehmen sowie ein geringeres Pro-Kopf-Einkommen geprägt sind, scheinen den Menschen andere Themen wichtiger zu sein als die Umsetzung eines ambitionierten Klimaschutzes. In ländlichen Regionen zu wohnen, heißt auch aufgrund des schlechteren ÖPNV-Angebots stärker auf den eigenen PKW angewiesen zu sein. Es ist dementsprechend nicht verwunderlich, dass in solchen Wahlkreisen eher ablehnend gegenüber höheren Benzinpreisen und einem möglichen Verbot von Verbrennern reagiert wird. Einige Zusammenhänge wie eine stärkere Ablehnung von Klimaschutz in Regionen mit einer höheren Beschäftigungszahl im produzierenden Gewerbe lassen allerdings auch einen gewissen kulturellen Einfluss auf die Einstellungen zum Klimaschutz erahnen.

Vor diesem Hintergrund erscheinen Vorschläge, Einnahmen aus einem höheren CO2-Preis insgesamt pro Kopf an die Bevölkerung zurückzuzahlen, fragwürdig. Überzeugender sind Investitionen, die das Gefälle zwischen strukturschwachen ländlichen Regionen und prosperierenden Ballungsräumen auszugleichen helfen und gleichzeitig einen hohen Klimaschutz-Effekt haben. Investitionen in klimaneutrale Mobilitätsangebote in ländlichen Gebieten haben diesbezüglich ein großes Potential. Das Konzept des Energy Sharing in Energie-Gemeinschaften wäre ein ebenso hoffnungsvoller Ansatz, der Anwohnerinnen und Anwohnern in der Nähe von Windkraftanlagen und größeren Solarkraftwerken - also eher in ländlichen Gebieten - direkt am energetischen Ertrag der Anlagen beteiligt. 

Es sind solche neuen Ideen und Wege, die vor dem Hintergrund der enormen organisatorischen und sozialen Herausforderungen einer gesellschaftlichen Nachhaltigkeitstransformation gefunden werden müssen. Für den langfristigen Erfolg der Energiewende gilt es, eine Gesellschaft zu etablieren, die nicht nur klimaneutral, sondern auch sozial mitgetragen und erstrebenswert ist. 

Die Ergebnisse der Umfrage zeigen: Ausschlaggebend für die Akzeptanz der Nachhaltigkeitstransformation ist der Ort, in dem die Bürgerinnen und Bürger wohnen. In Sachen Klimaschutz ist die häufig diskutierte soziale Gerechtigkeit demnach eine Frage der regionalen Gerechtigkeit, die stärker in den Fokus der politischen Debatten gerückt werden sollte.