Klimawahl 2021

Was denkt Deutschland?

Der Folgen des Klimawandels sind spürbar. Die Menschen sind sich der Dringlichkeit und Tragweite des Themas bewusst. Entsprechend steht die Bundestagswahl 2021 fest im Zeichen des Klimawandels. Ist das wirklich so? Oder beherrscht Corona noch immer die gesellschaftliche Wahrnehmung? Gibt es womöglich ganz andere Themen, die den Wählerinnen und Wählern wirklich wichtig sind?

49 %

sehen den Klimawandel als eines der wichtigsten politischen Themen

65 %

sind offen für höhere CO2-Preise bei Benzin, Öl und Gas

20 %

möchten alle diskutierten Klimaschutz-Maßnahmen umgesetzt sehen

Was denken die Menschen zum Klimaschutz?

Wir haben nachgefragt.

Wie wichtig sind die Themen Klimawandel und Energiewende aktuell? Was darf Klimaschutz? Und welche Maßnahmen sollte die nächste Bundesregierung auf keinen Fall umsetzen? Wir haben dies mehr als 10.000 Bürgerinnen und Bürger in Deutschland gefragt. Das Ergebnis: Die Meinungen der Menschen gehen teils stark auseinander, sie unterscheiden sich nach Alter, Bildungsstand und Wahlabsicht. Vor allem aber ergeben sich Unterschiede aufgrund der jeweiligen strukturellen Situation des Wohnorts.

Klar ist aber auch, dass sich das Bild nach der verheerenden Flutkatastrophe in einigen Teilen Deutschlands im Juli 2021 verändert hat. Klimawandel ist wieder oben im Bewusstsein der Bürgerinnen und Bürger angekommen.

Klimawandel als wichtigstes Thema

Welche politischen Themen sind aus Ihrer Sicht am wichtigsten?

Klimawandel und Energiewende sollten die aktuell wichtigsten Themen auf der politischen Agenda sein, wenn es nach den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Umfrage geht.

So gut wie jede und jeder Zweite wählte Klimawandel als eines der für ihn/sie wichtigsten drei Themen. Mit einem deutlichen Abstand folgten Themen wie Bekämpfung der Altersarmut und organisierten Kriminalität sowie die Modernisierung der Bildung, deren Schwächen, wie die rückständige Digitalisierung an deutschen Schulen, sich besonders im Zuge der Corona-Krise offenbarten.

Seit Beginn der Erhebung Mitte April 2021 zeigt sich eine deutliche Veränderung in der Wichtigkeit des Klimathemas. Im Juni wurde es von nur 37 % der Befragten als sehr wichtig eingestuft und lag damit hinter den Themen Kriminalität, Altersarmut, Bildung und Corona. Im Juli rückte es mit 44 % und im August, nach den verheerenden Überflutungen, mit 49 % noch stärker in den Fokus der Menschen. Die Flutkatastrophe in Deutschland und auch die verheerenden globalen Waldbrände scheinen also das Bewusstsein der Bürgerinnen und Bürger für die Klimakrise geschärft zu haben.

Die Gruppe der Befragten lässt sich nach verschiedenen Aspekten differenzieren. Wer den Klimawandel zu den wichtigsten Themen zählte, hängt dabei – wenig überraschend – in erster Linie mit der Wahlabsicht zusammen. Grünen-Wählerinnen und Wähler maßen dem Thema am meisten Bedeutung bei, während Sympathisantinnen und Sympathisanten der AfD es größtenteils als irrelevant betrachteten. Unterschiede zeigten sich weiterhin nach dem Bildungsabschluss, der derzeitigen Tätigkeit und dem Wohnort der Befragten. Hamburger und Hamburgerinnen zeigten sich am grünsten, indes schenkten Menschen aus Sachsen-Anhalt den Klimathemen am wenigsten Beachtung.

Für wen ist Klimawandel wichtig?

Statistische Analysen der Daten bestätigten, dass es tatsächlich signifikante Unterschiede im Hinblick auf sozio-ökonomische Faktoren wie Bildung, Alter, Geschlecht oder Wahlabsicht gibt. Menschen mit Abitur finden das Klimathema grundsätzlich besonders wichtig, für Männer ist es etwas wichtiger als für Frauen, und in der Altersgruppe der 50- bis 64-Jährigen hat es, den Ergebnissen zufolge, die geringste Relevanz.

Interessant ist, dass es insbesondere auch beim Vergleich der 299 deutschen Wahlkreise viele signifikante Unterschiede gab. Je jünger ein Wahlkreis ist, je höher die Beschäftigung und Bildung, desto wichtiger ist das Thema Klimawandel in diesem Wahlkreis. Auch die Art der Beschäftigung scheint sich auf die Einstellung zum Klimawandel auszuwirken. Ein höherer Anteil an Beschäftigten im Dienstleistungssektor geht dabei mit einer höheren Wichtigkeit dieser Thematik in dem jeweiligen Wahlkreis einher. Die regionale Komponente scheint demnach einen wesentlichen Einfluss auf die persönliche Wahrnehmung des Klimawandels zu haben.

Klimawahl - Zustimmung zum Klimaschutz nach Wahlkreisen

Akzeptanz von Maßnahmen regional unterschiedlich

Welche Maßnahmen sollten nicht umgesetzt werden?

Klimawandel als Thema wichtig zu finden, ist das eine. Wie aber sieht es mit der Akzeptanz von dringend benötigten Maßnahmen zum Schutz des Klimas aus?

Die Klima-Euphorie scheint bei der Konfrontation mit konkreten Klimaschutz-Maßnahmen zu schwinden. Mit 37 % bzw. 35 % sind mehr als ein Drittel der Befragten dagegen, dass die nächste Bundesregierung PKW mit Verbrenner-Motoren verbietet oder die Preise für Benzin, Öl und Gas durch eine CO2-Steuer erhöht. Das heißt aber auch, mit 63 % bzw. 65 % ist ein erstaunlich hoher Anteil der Befragten offen für ein Verbrenner-Verbot bzw. höhere CO2-Preise.

Die Förderung von Windenergieanlagen, Vorgaben für eine höhere Gebäude-Energieeffizienz und die Reduzierung des Autoverkehrs in Innenstädten scheinen weniger mit den Bedürfnissen und Wünschen der Bevölkerung zu kollidieren. Sie wurden am wenigsten abgelehnt. Jede und jeder fünfte Befragte sprach sich für einen umfassenden und ambitionierten Klimaschutz mit einer Umsetzung aller genannten Maßnahmen aus.

Klimawahl - Ablehnung von Verbrenner-Zulassungen
Klimawahl - Ablehnung einer CO2-Steuer
Klimawahl - Zustimmung zu allen Maßnahmen nach Wahlkreisen

Auch die Ablehnung von Klimaschutz-Maßnahmen folgt regionalen Strukturen. Ganz allgemein lässt sich formulieren: Je zukunftsfähiger ein Wahlkreis aufgestellt ist, desto weniger Widerstand gibt es gegen Klimaschutz-Maßnahmen. Man kann die Zukunftsfähigkeit an der Alters-, der Bildungsstruktur oder der Wirtschaftsstruktur sowie an der allgemeinen Bevölkerungsentwicklung festmachen. 

So ist man in Wahlkreisen mit einem hohen Anteil jüngerer Menschen oder mit überdurchschnittlich vielen Abiturient:innen, entsprechend eher der Auffassung, dass alle politisch diskutierten Klimaschutz-Maßnahmen umgesetzt werden sollten. Im selben Zuge stoßen höhere CO2-Preise auf fossile Energieträger und ein zukünftiges Verbot von Verbrenner-PKWs auf größere Akzeptanz. Auch in Wahlkreisen mit vielen ansässigen Unternehmen ist die Ablehnung gegen höhere CO2-Preise weniger stark ausgeprägt - genau wie die ablehnende Haltung gegenüber einem Verbrenner-Verbot in Wahlkreisen mit einem höheren Pro-Kopf-Einkommen (BIP) signifikant geringer ausfällt. Aber auch die Wirtschaftsstruktur spielt eine Rolle: Je bedeutender das produzierende Gewerbe in einem Wahlkreis, desto mehr Skepsis herrscht gegenüber einem ambitionierten Klimaschutz. In Wahlkreisen hingegen, die durch einen starken Dienstleistungssektor geprägt sind, sind die Menschen diesbezüglich viel offener. 

Insgesamt zeigen die Auswertungsergebnisse eine klare Tendenz. Je prosperierender, städtischer, gebildeter und jünger eine Region ist, desto stärker sind der Zuspruch zu Klima-Themen und die Akzeptanz von Maßnahmen zur Eindämmung des Klimawandels.

Damit lässt sich schlussfolgern, dass das Thema Klimaschutz ohne Zweifel von hoher Bedeutung für die Bundestagswahl 2021 ist. Inwieweit es aber tatsächlich das bestimmende Thema für die Wahlentscheidung des/der einzelnen Bürgerinnen und Bürger sein wird, bleibt abzuwarten. Unter den 299 deutschen Wahlkreisen sind je nach sozio-ökonomischer Struktur des Wahlkreises unterschiedliche Ergebnisse zu erwarten.

Positionen

Was sagen Gesine Schwan, Hannah Lübbert und Roland Schüren zur Klimawahl? Bildrechte: Marco Pultke, Martin Steffen, Olaf Kosinsky/Wikipedia

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Foto: René Mono

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Credit: iStock/CharlieChesvick

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