Leseempfehlungen von Stephan Muschick

Erneuerbar, digital, dezentral, demokratisch: Das ist unsere Zukunft. Oder doch nicht? Die Debatten darüber sind zahl- und facettenreich. Und sie berühren den Kern unserer Gesellschaft – und unseres Mensch-Seins. Wie wollen wir leben? Mit dieser Frage im Hinterkopf folgt Stephan Muschick den aktuellen Diskussionen in Zeitungen, Magazinen, Sachbüchern und Romanen. Und er wählt aus, sehr persönlich gefärbt, streitbar und zum Dialog einladend. Verfolgen Sie hier die Lesetipps unseres Geschäftsführers:

Februar 2021

„Die Welt wird nach Corona eine andere sein“, postulieren António Guterres, Ursula von der Leyen, Emmanuel Macron, Angela Merkel und der senegalesische Präsident Macky Sall in einem gemeinsamen Gastbeitrag für die FAZ. Die Pandemie, schreiben sie, biete die Gelegenheit, eine neue internationale Ordnung zu errichten. Dabei gehe es um viel: um einen wirksamen Gesundheitsschutz, um die Bekämpfung von Armut und Ungleichheit, um einen freien Fluss und eine faire Nutzung von Daten, aber auch um die Bekämpfung des Klimawandels und eine nachhaltige Umgestaltung der Volkswirtschaften. „Der Schutz der Umwelt und der Gesundheit sowie sozialer Standards muss im Zentrum unserer wirtschaftlichen Modelle stehen und gleichzeitig notwendige Innovation ermöglichen.“ Diese Forderung ist keineswegs neu, sondern ein beliebter Topos im Diskurs rund um die Frage, in welcher Welt wir, die Menschen, künftig leben werden.

Beliebt ist auch ein weiterer Punkt, den die Autor*innen des zitierten Beitrags nur streifen – obwohl es sich um das Fundament der Transformation in eine bessere Welt handelt: die Leistung der Wissenschaft. Die Strategien zur Bekämpfung der Corona-Pandemie folgten der Erkenntnissen „der“ Wissenschaft, und auch Klimaaktivist*innen betrachten „die“ Wissenschaft als Ausgangspunkt ihres Kampfes für ein schnelles Umsteuern in der Klimakrise. „Listen to the scientists“, mahnt Greta Thunberg.

Was wie ein Schlachtruf klingt, hinter dem sich jedes mit einigermaßen gesundem Verstand ausgestattete menschliche Wesen versammeln kann, führt den Soziologen Wolfgang Streeck (der übrigens darauf hinweist, nicht mit dem Virologen gleichen Namens verwandt zu sein) allerdings zu der Frage: „Ja doch, aber welchen?“ Den Virolog*innen, weil sie mit knallharten Fakten operieren würden, nach denen sich die Entscheider*innen nur zu richten hätten? Denn Fakten seien nun mal Fakten, was aus Sicht der Virolog*innen für die molekulare Struktur der Viren gelte, nicht aber für die soziale Struktur menschlicher Kontakte. Und hier müsse die Soziologie ins Spiel kommen – tut es aber nicht. Jedenfalls nicht in einer differenzierten Form. Mutmaßungen und Behauptungen gebe es zuhauf – dass die Welt nach Corona solidarischer werde (oder eben nicht) –, aber eben keine differenzierte soziologische oder etwas breiter gefasst: gesellschaftswissenschaftliche Forschung.

Und wer sich, und in diesem Punkt schließt sich der eher konservative-liberale Wirtschaftswissenschaftler Michael Hüther dem eher linken Soziologen Wolfgang Streeck an, allein dem Diktat der Fakten rund um das (gefährliche und unberechenbare) Virus unterwirft, könne nur zum Holzhammer greifen und verliere den Blick auf die Gesellschaft. Wer nicht differenziert und interdisziplinär forsche und diskutiere, könne kein Bild von einer Gesellschaft entwickeln, in der sich ein offenbar flexibles Virus nicht einfach ausrotten lässt – oder eben nur um den Preis der wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Verkümmerung, wie sie sich jetzt in manchen Bereichen bereits andeute.

Übertragen auf die Klimakrise lehren die Beiträge der beiden Wissenschaftler zweierlei: Zum einen sollte jedwede Behauptung der Existenz einer absoluten Wahrheit (oder, in die Sprache der Politik übersetzt: von Alternativlosigkeit) skeptisch machen. Nicht im Hinblick auf die Fakten – weder, was die Gefährlichkeit des Virus angeht, noch die Existenz der Klimakrise als solcher. Aber im Umgang damit ist ein Abwägen zwischen Interpretationen, Ableitungen, verschiedenen Methoden etc. vonnöten. Und zum anderen tut es Not, genau hinzuschauen. Mutmaßungen und Behauptungen dahingehend, was „die Menschen“ angeblich wollen oder nicht wollen, führt unweigerlich nicht nur zu der Gefahr, dass die scheinbar alternativlosen Maßnahmen wirkungslos bleiben, sondern auch zu weniger Akzeptanz und letztlich zu einer tieferen Spaltung unseres demokratischen und auf Partizipation ausgerichteten Gemeinwesens.

Unter diesen Prämissen geht Hüther auch durchaus kritisch mit den blinden Flecken und Verfehlungen seiner eigenen Disziplin ins Gericht. Manches mathematische Modell, das ohne institutionelle Konstellationen oder die Interessen der beteiligten Marktteilnehmer*innen operiere, hätte die Finanzkrise im Jahr 2008 nicht nur nicht vorhergesagt, sondern sogar „mitgetrieben“. Diesen blinden Fleck mancher wirtschaftswissenschaftlicher Ansätze wiederum greift der ehemalige Grünen-Politiker und heutige Präsident der Cusanus Hochschule für Gesellschaftsgestaltung, Reinhard Loske, in seiner „Kritik der Politischen Ökonomie der Natur“ auf – ebenfalls als Beitrag in der FAZ erschienen. Im Kern geht es um die Frage, ob sich mit einer Art „Inwertsetzung“ der Natur – die letztlich in der Idee einer konsequenten Bepreisung von CO2 ihren Niederschlag findet – dem Klimawandel wirksam begegnen lässt. Die eine Frage ist, ob ein durchgehend hoher Preis für CO2 auch in sozialer Hinsicht die immer zu präferierende Lösung ist (womit wir dann wieder bei einer differenzierten Soziologie des Kampfes gegen die Klimakrise wären). Loske treibt aber auch die Frage um, ob es sich hier um eine Art letztes Gefecht neoklassischer Ökonomen handele oder ob dieser Ansatz in einer von wirtschaftlichem Denken getriebenen Welt zu der notwendigen breiten Akzeptanz von Klimaschutz und Nachhaltigkeit beitrage, die für eine erfolgreiche Bewältigung der Klimakrise notwendig sei. Frei nach dem Motto: Der nachhaltige Entwicklungspfad ist letztlich auch der ökonomisch vielversprechendere. Oder: Auch mit grünen Zielen lassen sich schwarze Zahlen schreiben.

Ob für Loske damit die Versöhnung von Ökonomie und Ökologie erreicht ist, mag der Leser oder die Leserin dieses kurzen Beitrags selbst erkunden. Schließlich handelt es sich hier um Tipps fürs Weiterlesen! Dann wird er oder sie auch auf manche hier nicht weiter vertiefte Inkonsequenz oder Ungereimtheit in der Argumentation der zitierten Autoren stoßen, auf die ich hier nicht näher eingegangen bin.

Für die weitere Arbeit der E.ON Stiftung sind allerdings mindestens zwei Aspekte, die ich aus der Lektüre gezogen habe, von Belang: Zum einen lohnt es sich, Wissenschaft und Wissenschaftler*innen nicht nur zu fördern, sondern gleichzeitig nach kritischen, reflektierenden, dialogbereiten Ansätzen zu suchen und diesen ein besonderes Augenmerk zu widmen. Und zum anderen: Wir brauchen eine differenzierte Soziologie der Transformation unserer Gesellschaft – um nicht den Viren das letzte Wort zu überlassen.

September 2020

Warum lesen wir? Um Dinge zu lernen, die wir noch nicht wussten. Um uns entführen zu lassen in fremde Welten – sei es in poetisch-gegenwärtige, sei es in technisch-kühle zukünftige. Und insgeheim suchen wir Bestätigung – für unsere Hoffnung, unsere Ängste, für unser Handeln. Die Lektüre ist dann Anlass, sich selbst ins rechte Licht zu rücken. So lassen sich die folgenden Lektüretipps auch verstehen.

Wobei „Tipp“ im ersten Fall nur bedingt zutrifft. 2020 erschien, aber 2019 und damit vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie entstand Andreas Barthelmess‘ „Die große Zerstörung. Was der digitale Bruch mit unserem Leben macht“ (ISBN: 9783411747337 ). Der Autor ist Ökonom, Unternehmer, Berater und Publizist – und er wagt den ganz großen Wurf. Oder, um ein aussagekräftiges Bild zu bemühen: Es springt als Tiger, und er landet als Bettvorleger. Der Ansatz, die Mechanismen der Digitalisierung, ihren disruptiven Charakter und die Logik des „the winner takes it all“ zu erklären, mag bei denen verfangen, die noch nie davon gehört haben. Aber manche Plattitüde und effekthascherische Formulierung gehen dann doch zu weit, sowohl auf der Ebene der Problembeschreibungen als auch auf der Ebene der Lösungsvorschläge. Was sollen uns die folgenden Sätze sagen? „Unruhige Zeiten, so scheint es, liegen den Deutschen nicht. (…) Was wir Deutschen in jedem Fall ganz ausgezeichnet beherrschen, ist das Moralisieren ohne Konsequenz und Verantwortung. Diejenigen von uns, die am meisten gegen Trump wettern, sind zugleich diejenigen, die keinesfalls mehr Geld für eine eigene, von den USA unabhängige Verteidigung ausgeben wollen.“ (S. 103) Oder hier, mit Blick auf das, was zu tun ist: „Wir brauchen nicht nur ein ‚Narrativ‘ oder eine Story, sondern auch eine visuelle Ästhetik. Die Welt, in der wir leben, ist visuell. In Insta-Zeiten erzählen wir viel mehr in Bildern als in den vergangenen Jahrhunderten, wo das wichtigste Kommunikationsmedium der handgeschriebene Brief war.“ (175) Irgendwie nicht falsch – aber irgendwie wirkt die große Geste auch etwas wohlfeil und, in der Konsequenz, wenig aufschlussreich.

Da gibt es weitaus differenziertere Analytiker der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen (Reckwitz) und der gesellschaftlichen Folgen der Digitalisierung (Nassehi), manchen Roman, dessen Beschreibung der Zukunft einen erschaudern lässt (GRM. Brainfuck) – und auch manches von unserer Stiftung initiierte und geförderte Projekt, wie das am Wittenberg-Zentrum für Globale Ethik angesiedelte „Ethische Herausforderungen der digitalen Energiewende“, über das wir bereits in unserem Blog berichteten und auf dessen Ergebnisse man schon jetzt gespannt sein darf.

Apropos Roman: Manches in diesem Gewand daherkommende Buch verbindet die scharfe Analyse und lebendige Beschreibung einer digitalen Zukunft mit Spannung und Lesevergnügen – und zwar so, dass es manches Sachbuch in den Schatten stellt. Niklas Maak, Redakteur für Kunst und Architektur im FAZ Feuilleton hat das mit seinem Roman Technophoria (ISBN: 9783446264038 ) geschafft. Er sei allen, die sich mit der Planung und Umsetzung mehr oder weniger smarter Cities (und den Beschwörern der schönen neuen globalen grünen Wasserstoffwelt gleich mit) beschäftigen, dringend zur Lektüre empfohlen.

Warum das so ist, sei hier noch nicht verraten. Einfach lesen! Oder – so viel Werbung muss erlaubt sein – sie oder er komme am 18. November 2020 nach Essen auf die Zeche Carl, um den Autor live bei Literatürk, einem mittlerweile zum 16. Mal stattfindenden Literaturfestival im Ruhrgebiet, zu erleben – bei einer Lesung aus dem Roman und im Gespräch mit dem Autor dieser Zeilen. Also: Stay tuned – detaillierte Informationen zur Veranstaltung gibt es in den kommenden Tagen unter www.literatuerk.com.