Leseempfehlungen von Stephan Muschick

Erneuerbar, digital, dezentral, demokratisch: Das ist unsere Zukunft. Oder doch nicht? Die Debatten darüber sind zahl- und facettenreich. Und sie berühren den Kern unserer Gesellschaft – und unseres Mensch-Seins. Wie wollen wir leben? Mit dieser Frage im Hinterkopf folgt Stephan Muschick den aktuellen Diskussionen in Zeitungen, Magazinen, Sachbüchern und Romanen. Und er wählt aus, sehr persönlich gefärbt, streitbar und zum Dialog einladend. Verfolgen Sie hier die Lesetipps unseres Geschäftsführers:

Leseempfehlungen im September 2020

Warum lesen wir? Um Dinge zu lernen, die wir noch nicht wussten. Um uns entführen zu lassen in fremde Welten – sei es in poetisch-gegenwärtige, sei es in technisch-kühle zukünftige. Und insgeheim suchen wir Bestätigung – für unsere Hoffnung, unsere Ängste, für unser Handeln. Die Lektüre ist dann Anlass, sich selbst ins rechte Licht zu rücken. So lassen sich die folgenden Lektüretipps auch verstehen.

Wobei „Tipp“ im ersten Fall nur bedingt zutrifft. 2020 erschien, aber 2019 und damit vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie entstand Andreas Barthelmess‘ „Die große Zerstörung. Was der digitale Bruch mit unserem Leben macht“ (ISBN: 9783411747337 ). Der Autor ist Ökonom, Unternehmer, Berater und Publizist – und er wagt den ganz großen Wurf. Oder, um ein aussagekräftiges Bild zu bemühen: Es springt als Tiger, und er landet als Bettvorleger. Der Ansatz, die Mechanismen der Digitalisierung, ihren disruptiven Charakter und die Logik des „the winner takes it all“ zu erklären, mag bei denen verfangen, die noch nie davon gehört haben. Aber manche Plattitüde und effekthascherische Formulierung gehen dann doch zu weit, sowohl auf der Ebene der Problembeschreibungen als auch auf der Ebene der Lösungsvorschläge. Was sollen uns die folgenden Sätze sagen? „Unruhige Zeiten, so scheint es, liegen den Deutschen nicht. (…) Was wir Deutschen in jedem Fall ganz ausgezeichnet beherrschen, ist das Moralisieren ohne Konsequenz und Verantwortung. Diejenigen von uns, die am meisten gegen Trump wettern, sind zugleich diejenigen, die keinesfalls mehr Geld für eine eigene, von den USA unabhängige Verteidigung ausgeben wollen.“ (S. 103) Oder hier, mit Blick auf das, was zu tun ist: „Wir brauchen nicht nur ein ‚Narrativ‘ oder eine Story, sondern auch eine visuelle Ästhetik. Die Welt, in der wir leben, ist visuell. In Insta-Zeiten erzählen wir viel mehr in Bildern als in den vergangenen Jahrhunderten, wo das wichtigste Kommunikationsmedium der handgeschriebene Brief war.“ (175) Irgendwie nicht falsch – aber irgendwie wirkt die große Geste auch etwas wohlfeil und, in der Konsequenz, wenig aufschlussreich.

Da gibt es weitaus differenziertere Analytiker der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen (Reckwitz) und der gesellschaftlichen Folgen der Digitalisierung (Nassehi), manchen Roman, dessen Beschreibung der Zukunft einen erschaudern lässt (GRM. Brainfuck) – und auch manches von unserer Stiftung initiierte und geförderte Projekt, wie das am Wittenberg-Zentrum für Globale Ethik angesiedelte „Ethische Herausforderungen der digitalen Energiewende“, über das wir bereits in unserem Blog berichteten und auf dessen Ergebnisse man schon jetzt gespannt sein darf.

Apropos Roman: Manches in diesem Gewand daherkommende Buch verbindet die scharfe Analyse und lebendige Beschreibung einer digitalen Zukunft mit Spannung und Lesevergnügen – und zwar so, dass es manches Sachbuch in den Schatten stellt. Niklas Maak, Redakteur für Kunst und Architektur im FAZ Feuilleton hat das mit seinem Roman Technophoria (ISBN: 9783446264038 ) geschafft. Er sei allen, die sich mit der Planung und Umsetzung mehr oder weniger smarter Cities (und den Beschwörern der schönen neuen globalen grünen Wasserstoffwelt gleich mit) beschäftigen, dringend zur Lektüre empfohlen.

Warum das so ist, sei hier noch nicht verraten. Einfach lesen! Oder – so viel Werbung muss erlaubt sein – sie oder er komme am 18. November 2020 nach Essen auf die Zeche Carl, um den Autor live bei Literatürk, einem mittlerweile zum 16. Mal stattfindenden Literaturfestival im Ruhrgebiet, zu erleben – bei einer Lesung aus dem Roman und im Gespräch mit dem Autor dieser Zeilen. Also: Stay tuned – detaillierte Informationen zur Veranstaltung gibt es in den kommenden Tagen unter www.literatuerk.com.