25. März 2021

Mark Ritzmann im Interview

„Innovation ist weniger eine Technologie, sondern ein Kulturthema“

Seid innovativ! Das ist der Auftrag an Mark Ritzmann und sein Team. Als Geschäftsführer von E.ON Innovation ist er beim größten deutschen Energieversorger dafür zuständig, neue Lösungen in so unterschiedlichen Bereichen wie Elektromobilität, erneuerbaren Energien und dezentraler Stromversorgung zu entwickeln. Wir haben die Innovationsfrage noch etwas weiter gedacht.

 

Herr Ritzmann, auf einer Skala von 1 bis 10: Wie innovativ ist Deutschland?

Mark Ritzmann: Eine 8. Natürlich könnten wir innovativer werden. Aber das ist gar nicht der entscheidende Hebel: Innovationen können wir, es fehlt uns die Flexibilität, sie umzusetzen. Unsere Autoindustrie ist ein gutes Beispiel. Sie ist hochinnovativ – innerhalb ihrer bekannten Muster. Genau in den Mustern sind die Hersteller aber festgefahren. Sie bauen seit Generationen die Autos mit der besten Straßenlage, aber kommen nicht auf die Idee, dass heute Menschen Autos danach beurteilen, wie die Sprachsteuerung ist. Man sollte immer einen Schritt weiter denken. 

Woher kommt das? Arroganz? Engstirnigkeit? Oder ist es der Glaube, dass Made in Germany auf ewig das Beste sein muss?

Es ist oft das Problem etablierter Spieler: Sie werden irgendwann phlegmatisch – das sieht man in jedem Bereich, übrigens nicht nur in der Industrie. Kommen dann junge agile Spieler, fehlt ihnen die Agilität und Flexibilität zu reagieren: Nokia hatte mal 40 Prozent Marktanteil und hat Apple nur belächelt. Drei Jahre später hatte Apple Nokia aus dem Rennen gehauen. Beispiele davon gibt es einige, und sie sollten uns eine Warnung sein, dass wir in Industrien, in denen wir führend sind, die Kurve kriegen müssen. Dazu fehlt uns manchmal allerdings auch der Enthusiasmus. 

„Innovationsfähigkeit? Wir Deutschen sind viel zu oft Bedenkenträger“

Enthusiasmus als Fortschrittstreiber? Das müssten Sie bitte erklären.

Da können wir einiges von den Amerikanern lernen: Die jubeln einen Tesla einfach nach oben. Das wiederum zieht Investoren und gute Mitarbeiter an und sorgt für politischen Rückhalt. So schafft man self-fulfilling prophecies. Wir Deutschen dagegen sind viel zu oft Bedenkenträger. Insofern ist Innovationsfähigkeit für mich auch eine Mentalitätsfrage.

Die Politikerin Marina Weisband, Gastautorin bei uns im Blog, warnt dort vor allzu viel Innovationsgläubigkeit: Sie verhindere, dass wir uns auf die Methoden des Hier und Jetzt besinnen, die es aber braucht, um globale Krisen auch im Hier und Jetzt zu bekämpfen.

Die Frage ist, was man unter Innovation versteht: Wir bei E.ON arbeiten an Innovationen, die Probleme im Hier und Jetzt lösen. Indem wir beispielsweise das Stromnetz flexibler und leistungsfähiger machen und dadurch mehr Photovoltaikanlagen integrieren können. Oder indem wir durch künstliche Intelligenz das Ladeverhalten unserer eMobility-Kunden besser prognostizieren und Energie effizienter verteilen können. Daneben gibt es natürlich auch Innovationen, die erst in zehn Jahren im Alltag ankommen werden – etwa die Frage, wie womöglich Wasserstoff bei der Energiewende helfen kann. Man braucht eine gute Balance aus kurzfristig greifbaren Lösungen, aber auch Visionen.  

Bleiben wir bei der Energiebranche. Hier sehe man, sagt Weisband, dass Innovation auch ein Fluch sei, zumindest für unseren Planeten: Ausgelöst durch Innovationen stehen wir vor der Klimakrise. 

Völlig richtig: Es gab viele Erfindungen, die rückblickend nicht besonders toll waren. Aber zum einen kann man diese Innovationen nicht zurückdrehen, zum anderen kann man daraus lernen. Elektrizität wurde bis vor 10, 15 Jahren vor allem mit primär mit Atomkraft und Fossil Brennstoffen wie Öl und Kohle hergestellt. Aber was ist die Reaktion darauf: Die Elektrifizierung unserer Gesellschaft zurückzudrehen? Natürlich nicht. Es geht darum, Innovationen weiterzudenken, um alternative Lösungen zu finden. Jede Innovation kann zum Eigentor werden, wenn wir die Umsetzung nicht aufmerksam und mit Sachverstand begleiten. 

„Innovation braucht Leitplanken – aber bitte keine Überregulierung“

Ohne soziale Innovation keine technologische Innovation, sagen manche Soziologen und Politiker: Es bedürfe neuer gesellschaftlicher Organisationsformen und neuer Formen des Miteinanders und des Austausches, um „Crowd Innovation“ zu fördern. 

Das ist mir zu absolut – mehr gemanagte Crowd Innovation, das ist es, was es braucht. Beispiel Smartphone: Hätte man vor zehn Jahren einfach nur gesagt, „Baut alle Apps“, hätte es nicht funktioniert. Aber wenn ich eine Plattform wie einen App Store zur Verfügung stelle, für alle nutzbare Programmierwerkzeuge anbiete und Incentives schaffe, dann kann ich eine intelligente Fokussierung und Vernetzung der Crowd erreichen. Es braucht Möglichkeiten, sich zu entfalten. Aber es braucht auch Leitplanken für Innovation. Wobei man Leitplanken wiederum nicht mit Überregulierung verwechseln darf – die ist ja leider auch sehr deutsch.

Herr Ritzmann, Sie leiten E.ON Innovation – ist es nicht ein Armutszeugnis, dass sich Konzerne explizite Innovations-Hubs leisten müssen? Das klingt fast so, als sei dies der einzige Ort, wo Innovation stattfände.

Das Gegenteil ist der Fall. Jeder Konzern sollte so eine Einheit haben. Schlichtweg, weil ein Großteil dessen, was wir an Wertschöpfung liefern, kurzfristig im Hier und Jetzt entsteht. Darauf fokussiert sich ein Großteil der Mitarbeiter. Und wenn ich diesen Leuten jetzt sage: „Kümmert euch auch noch um Innovationen“, besteht die Gefahr, dass das hinten runterfällt. Weil sie die tagtäglichen Probleme lösen und Kundenfragen beantworten müssen. Und sie können ja schlecht dem Kunden sagen: „Heute ist es schlecht, ich muss mich gerade mal um die Zukunft kümmern.“ Deshalb braucht es einen Bereich, der sein Fokus auf Innovation legt und sich nicht nur auf das tägliche Geschäft. Aber klar ist auch: Das darf keine Ausrede sein, dass jeder in einem Unternehmen gefordert ist, sich mit Innovationsthemen auseinanderzusetzen. 

Sie arbeiten mit vielen Start-ups zusammen. Stimmt die Legende eigentlich, dass Innovationen üblicherweise in Garagen oder Universitäts-Laboren entstehen? 

Innovation kann überall entstehen. Genauso wie man auf keinen Fall die Start-up-Szene ignorieren darf, gerade nicht als Corporate, gibt es aber auch große Corporates, die immer wieder tolle Innovationen hervorbringen. Die Herausforderung ist eher, wie Corporates und Start-ups zusammenarbeiten. Angenommen, ein Start-up-Gründer und ein Corporate-Manager treffen sich in der Kneipe, verstehen sich prächtig und sagen: „Lass uns mal gemeinsam ein Projekt angehen.“ Was passiert als nächstes?

Sagen Sie es uns!

Der Manager guckt in seinen Outlook-Kalender. Der Gründer guckt auf die Uhr. Er sagt: „Okay, fangen wir an.“ Und bekommt als Antwort: „Ja, wir finden bestimmt in den nächsten zwei Monaten einen Termin.“

… womit wir wieder bei Flexibilität und Agilität vom Anfang des Gespräches wären.

Ich habe in meiner Vergangenheit, vor der Zeit bei E.ON, aber auch in einem Konzern, mal mit einem Start-up zusammengearbeitet. Sie haben uns, nachdem wir dann endlich alle Papiere unterschrieben hatten, gesagt, dass die Kosten für die Anwälte zum Review des Vertragswerkes höher waren als der gesamte geplante Projektumsatz. Die Prozesse vieler Corporates können Start-ups im wahrsten Sinne platt machen. Das verstehen viele Unternehmen aber nicht. Insofern ist Innovationsfähigkeit weniger eine Technologie-, sondern ein Kulturthema. Sie braucht vor allem eines: Bereitschaft zur Diversität. Diversity im Denken.

„Es gibt keine 100-prozentig saubere Energie – selbst mit den besten Innovationen nicht“

Zum Schluss noch drei schnelle Fragen. Welche Innovation hat die Welt in den vergangenen 20 Jahren am meisten vorangebracht?

mRNA-Impfstoffe. Sie werden uns unsere Freiheit wiedergeben, die wir so sehnlich vermissen.

Und Ihre persönliche Lebenswelt?

Das Handy.

Und die Energiewelt?

Die alternative Energieerzeugung. Sie hat uns den Weg gezeigt, wie wir, ohne ganz krassen Impact auf unsere Umwelt, trotzdem unseren Energiebedarf decken.

… „ohne ganz krassen Impact“?

Auch alternative Energien haben natürlich Schattenseiten. Aber ich würde sagen, ein paar Offshore-Windräder sind besser als Kohleschornsteine. Man kann halt nicht gegen alles sein: Jeder Mensch, der Energie nutzt, muss akzeptieren, dass es immer noch keine 100-prozentig saubere Energie gibt. Selbst mit den besten Innovationen nicht.