03. Dezember 2020

Kommentar von René Mono

„Ziel ohne Weg“

Am 9. November stellten Agora Energiewende, Agora Verkehrswende und die Stiftung Klimaneutralität eine neue Studie vor. Sie zeigt auf, wie Deutschland bis 2050 zu Klimaneutralität kommen könnte. Die gute Nachricht: Das Ziel zu erreichen, ist technisch möglich. In den wichtigen Sektoren – Energiewirtschaft, Industrie, Verkehr, Gebäuden und (allerdings nur zu einem geringen Grad) Landwirtschaft – wird viel passieren müssen. Die einzelnen Elemente sind allerdings wenig erstaunlich: Wir brauchen sehr viel Erneuerbare Energien mit einer Gesamtkapazität von 562 Gigawatt. Rund 70 GW Kapazitäten zur Verstromung von Wasserstoff sollen vorgehalten werden. Von den 8 Mio. Tonnen Wasserstoff, die dafür im Jahr 2050 insgesamt benötigt werden, sollen knapp 5 Mio. Tonnen importiert werden. Dabei dient Wasserstoff nicht nur als Energieträger für die Erzeugung von Strom und Prozesswärme, sondern auch als industrieller Rohstoff sowie als Kraftstoff für den Güter-Schwerverkehr. Hinzu kommen Gebäudesanierung und eine Dekarbonisierung des Verkehrs, für die Elektroautos zum einen und ein verändertes Mobilitätsverhalten (mehr Fuß-, Radverkehr und mehr ÖPNV) zum anderen Schlüsselansätze sind.

Im Kern fasst die Studie also zusammen, was gängiges Wissen ist: Kaum eine Expert:in würde wohl widersprechen, dass die aufgezählten Technologien die Grundbausteine für ein klimaneutrales Deutschland sind. Dass die Studie nach einer radikalen ceteris paribus-Logik vorgeht, also so tut, als ob außer den Variablen, die untersucht werden, alles andere unverändert bliebe – geschenkt. Allerdings mutet es schon seltsam an, dass im Jahr 2020 so getan wird, als sei die Digitalisierung eine Randerscheinung ohne Auswirkung auf die Wirtschaftsstruktur Deutschlands.

Das eigentliche Problem liegt aber woanders. Die Studie kann das, was sie im Kern verspricht, nicht erfüllen: einen Weg zur Klimaneutralität beschreiben. Der Grund ist zum einen, dass die Autor:innen ihre eigene Aussage nicht ernst nehmen. Der Weg in die Klimaneutralität, so schreiben sie gleich auf Seite 3, sei ein umfassendes Investitionsprogramm. Doch wer aus welchen Gründen Investitionen tätigen soll - das wird offengelassen. Natürlich stellt sich hierbei die Frage nach der Rolle des Staates: Soll er Verbote aussprechen, Anreize setzen, die Nachfrage stimulieren, das Vorbild spielen oder selbst investieren? Sicherlich ist die naheliegende Antwort, „von allem ein wenig“,  nicht falsch, doch wäre eine genauere Präzisierung wichtig, wenn es tatsächlich um einen Fahrplan für die Transformation in Richtung Klimaneutralität gehen soll. Besonders auffällig ist die Sprachlosigkeit der Studie bei der Frage nach dem Infrastrukturaufbau bzw. -ausbau. Eine Wasserstoffinfrastruktur wird es brauchen, so viel weiß man nach Lesen der Studie (man wusste es aber gewiss schon vorher). Aber wie, wann und von wem sie geplant, finanziert und errichtet werden soll - dazu kein Wort. Ähnlich unbestimmt wird davon gesprochen, dass die infrastrukturellen Kapazitäten für eine Verdopplung des öffentlichen Verkehrs bis 2035 geschaffen werden müssen. Für den Güterschwerverkehr stellt sich gar eine besondere Herausforderung. Da nicht klar sei, wie die Lastwagen der Zukunft zu beschreiben seien, komme es zu einem parallelen Aufbau von drei unterschiedlichen Energieversorgungsinfrastrukturen: Wasserstofftankstellen, Schnellladeinfrastruktur und Oberleitungssysteme. Auch hier bleibt unklar: Fallen diese Infrastrukturen vom Himmel oder wie soll sich der Infrastrukturaufbau sonst vollziehen?

Die Energiewende wird von Menschen gestaltet, nicht von Ideen und Konzepten

Nicht nur dem Linguisten wird schnell klar, woran es der Studie mangelt: an Subjekten. Zukunftsaussagen werden durchgängig im Passiv formuliert. Keiner plant, keiner entscheidet, keiner investiert, keiner finanziert, keiner baut, keiner kauft. Das Wort „Mensch“ kommt genau einmal vor: Die Menschen, so heißt es im Kapitel „Verkehr“, fahren deutlich mehr mit öffentlichen Verkehrsmitteln sowie dem Rad und gehen zu Fuß. Warum sie das machen sollten und was den Autor:innen die apodiktische Sicherheit gibt, mit denen sie diese sogenannte Trendwende im Verkehr vorhersagen – all das scheint keine weitere Erwähnung wert.

Diese Passage steht paradigmatisch für die gesamte Studie. Die Menschen – in welcher Funktion auch immer als Bürger:innen, als Verbraucher:innen, als Investor:innen, als Entscheider:innen – sie kommen nicht vor. Den Autor:innen muss diese Lücke selbst aufgefallen sein. Denn gegen Ende der Einleitung wird recht unvermittelt der Politik die Rolle zugewiesen, den anstehenden Strukturwandel so zu gestalten, dass er inklusiv sei und alle mitnehme. „Gut gebrüllt, Löwe“, möchte man den Autor:innen entgegnen. Doch wäre es nicht gerade die Aufgabe eines Think Tanks, Wege genau hierfür aufzuzeigen? Was ist denn ein inklusiver Strukturwandel? Welche Bevölkerungsgruppe möchte wann und wie inkludiert werden? Wie kann man „alle“ mitnehmen?

Wo bleiben die Ideen für die soziale Nachhaltigkeit der Energiewende?

Die Studie bleibt Antworten hierauf schuldig. Das hat leider Tradition. Nicht nur bei Agora Energiewende und Agora Verkehrswende, sondern auch weit darüber hinaus. „Leaving no behind“- das ist neben „Financing the transition“ das Leitprinzip des European Green Deal. Doch während die Europäische Kommission für die Thematik „nachhaltige Finanzen“ längst ein umfassendes Maßnahmenpaket vorgestellt und teilweise schon umgesetzt hat, wirkt sie bei der Thematik soziale Nachhaltigkeit vollkommen ideen- und konzeptlos.

Höchste Zeit, dass Think Tanks also nicht achselzuckend den Ball wieder an die Politik zurückspielen, sondern sich mit all ihren Ressourcen, ernsthaft, differenziert und empirisch fundiert mit der Gestaltung dieser Aufgabe beschäftigen. Vielleicht eine Aufgabe für die E.ON Stiftung?

Zum Autor: René Mono ist seit 2015 geschäftsführender Vorstand der 100 prozent erneuerbar stiftung. Der promovierte Kommunikationswissenschaftler ist u.a. im Kuratorium der Naturstiftung David vertreten. Von 2014 bis Sommer 2020 war er im Vorstand des Bündnis Bürgerenergie.