23. März 2021

Kommentar von René Mono

Ein bisschen Automation, keine Disruption: Eine BitKom-Studie zu den Klimaeffekten digitaler Innovationen

Automation des Bisherigen statt Disruption zugunsten eines wirklich nachhaltigen Wirtschaftssystems: René Mono kommentiert eine Studie zur Digitalisierung und Klimaschutz von Accenture für den BitKom.

„Digitale Technologien verursachen ebenso viel CO2-Emissionen wie die gesamte spanische Volkwirtschaft; Youtube und andere Video-Plattformen sind so klimaschädlich wie die globale zivile Luftfahrt“ – mit diesen Thesen erregte vor zwei Jahren der französische Think Tank „The Shift Project“ weltweite Aufmerksamkeit. „The Shift Project“ rief angesichts der besorgniserregenden Klimaeffekte der Digitalisierung zu „digital sobriety“ auf.

Vor einigen Wochen hat nun eine Studie des Beratungshauses Accenture für den Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom) den Spieß umgedreht. Die positiven Klimaeffekte der Digitalisierung würden die negativen um ein Vielfaches überwiegen, sind die Autor*innen überzeugt. Die Studie zeigt dies zunächst für vier Sektoren auf: Fertigung, Mobilität, Gebäude und Arbeit. Im Laufe des Jahres soll die Untersuchung auf die Sektoren Energie, Landwirtschaft und Gesundheit ausgeweitet werden. In den jetzt schon untersuchten Sektoren könnten zwischen 78 und 102 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten mit Hilfe von digitalen Anwendungen jährlich eingespart werden. Die möglichen Einsparungen durch die Digitalisierung seien um den Faktor fünf größer als die durch digitale Technologien verursachten Emissionen.

Die Accenture-Studie hat zweifelsohne das Verdienst darauf aufmerksam zu machen, dass die Digitalisierung weder gottgegeben ist noch in ihrer Entwicklung Naturgesetzen folgt. Vielmehr stellt sie eine Chance dar, Innovationen so zu entwickeln, dass sie übergeordneten gesellschaftlichen Zielen dienen. Allerdings sieht die Studie bestehende Handlungsweisen, Prozesse und Gewohnheiten als gegeben an, und es wird lediglich davon ausgegangen, dass sich diese durch digitale Anwendungen optimieren lassen. Das zeigt sich insbesondere an den beiden Anwendungen, mit denen die größten Hoffnungen verbunden werden: „Digitale Zwillinge“ und die Automation der Produktion würden es erlauben, so Accenture, über 60 Millionen Tonnen CO2 im Jahr einzusparen – das sind immerhin deutlich über zehn Prozent der gesamten CO2-Emissionen Deutschlands.

Auch in den anderen Sektoren zeigen sich die Studienautor*innen erstaunlich fantasielos: Ob intelligente Verkehrssteuerung, Smart Homes oder E-Work – die aufgeführten Konzepte klingen altbekannt und wenig innovativ. Trotz des augenfälligen Optimismus in Bezug auf singuläre Anwendungen ist die Studie allzu konservativ. Sie verpasst es, wirklich bahnbrechende Entwicklungen, die durch Digitalisierung erreichbar sind, aufzuzeigen. Es ist kaum nachzuvollziehen, dass nur sechs Jahre, nachdem die FAZ „Disruption“ zum Wirtschaftswort des Jahres erklärte, noch immer die Vorstellung existiert, durch die Digitalisierung würde zwar manches schneller und effizienter, im Grunde aber nichts anders.

„Circular Economy“ und „On Demand-Economy“ nun realisierbar?

Tatsächlich gibt es zwei radikal alternative Konzepte einer nachhaltigen Wirtschaftsordnung, die theoretisch elaboriert sind und durch die Digitalisierung endlich realisierbar erscheinen: Die Rede ist von der „Circular Economy“ und der „On Demand-Economy“. Die grundsätzliche Idee der Circular Economy ist schnell erzählt. Stoff- oder Ressourcenkreisläufe sollen vollkommen geschlossen sein. In einer perfekten Circular Economy geht kein Stoff, keine Ressource verloren. Wenn man Nachhaltigkeit ernst nimmt, dann ist die Circular Economy die einzige Chance, ewiges ökonomisches Wachstum innerhalb der ökologischen Grenzen zu ermöglichen. Es ist auch bereits beschrieben, was politisch passieren müsste, damit die Circular Economy Gestalt annimmt: Statt Arbeit zu besteuern, sollte der Ressourceneinsatz besteuert werden. Möglich wird das aber nur durch die Digitalisierung. Jede Ressource würde dann ein digitales Tag bekommen. Anhand dieses Tagging könnte man über alle Wertschöpfungsketten den Weg der Ressource verfolgen. Ressourcen, die zum ersten Mal in den Kreislauf gebracht werden, würden hoch besteuert. Mit jedem Durchlauf nähme die Steuer ab und fiele schließlich ganz weg.

Die On Demand-Economy vermeidet jede Überproduktion, indem im Internet of Things generierte Daten die bisherige Hauptinformationsinstanz des Wirtschaftssystems überflüssig machen. Dies ist der Preis. In einer perfekten Marktwirtschaft zeigt der Preis zwar sehr genau an, ob von einem Wirtschaftsgut zu viel (hoher Preis) oder zu wenig (niedriger Preis) auf dem Markt ist. Doch der Preis hat ein Problem: Er ist stets zu spät dran. Er bestraft also nur Überproduktion und damit eine Wegwerfgesellschaft, kann sie aber nicht verhindern. Das Problem ist den meisten schon seit der Schule bekannt und im sogenannten Schweinezyklus beschrieben. Die richtige Menge ist nie auf dem Markt, und regelmäßig kommt es zu Überproduktion, eine aus der Perspektive der Nachhaltigkeit inakzeptable Situation. Das Internet of Things kann hingegen durch die vielen Informationen, die man von über die gesamte Wertschöpfungskette verteilte Sensoren erhält, Schwankungen in Nachfrage und Angebot frühzeitig erkennen und mit Hilfe von künstlicher Intelligenz die richtige Angebotsmenge antizipieren. Der Preis als verspätetes Informationssignal wird überflüssig; Überschussproduktion gehört der Vergangenheit an. Stattdessen sind Produkte und auch Dienstleistungen genau dann verfügbar, wenn sie gebraucht werden.

Es ist wahr: Es gibt sowohl bei der digitalen Circular Economy als auch bei der digitalen On Demand-Economy noch viele offene Fragen. Sie betreffen insbesondere die politische Umsetzung, die stets global gedacht werden muss, aber auch Fragen der gesellschaftlichen Akzeptanz, insbesondere in Bezug auf die Datensouveränität. Umso wünschenswerter wären zukunftsweisende Studien, die nicht nur eine Automation gewohnter Prozesse beschreiben, sondern wirkliche Impulse für problemlösende Innovationen geben.

Zum Autor: René Mono ist seit 2015 geschäftsführender Vorstand der 100 prozent erneuerbar stiftung. Der promovierte Kommunikationswissenschaftler ist u.a. im Kuratorium der Naturstiftung David vertreten. Von 2014 bis Sommer 2020 war er im Vorstand des Bündnis Bürgerenergie.