25. Februar 2021

Private Innovationen zugänglich für alle Menschen

Open Source Ecology: „Unser großes Vorbild ist Wikipedia“

Das Team des ehrenamtlichen Vereins Open Source Ecology Germany e.V. hat ein großes Ziel: Sie wollen eine Plattform für Open Source Hardware im Bereich Regenerative Energien aufbauen. Damit sind Produkte und Technologien gemeint, die in einem freien und offenen Prozess entwickelt wurden und deren Ergebnisse unter freien Lizenzen veröffentlicht werden. Dietrich Jäger, Projektleiter des Open Hardware Observatory oho.wiki, gibt im Interview einen Einblick, wie der Verein technisches Wissen an alle weitergeben will.

Herr Jäger, was dürfen wir uns unter Open Source Hardware vorstellen? 

Etwas Ähnliches werden viele Menschen kennen: die Open Source Software-Bewegung. Dabei machen Programmierer den gesamten Quellcode einer IT-Lösung frei zugänglich und stellen diese damit kostenlos für jedermann zur Verfügung. Alle dürfen sich daran bedienen und auf dieser Grundlage eigene Produkte entwickeln. Wir wollen das Gleiche ermöglichen, nur eben für Open Source Hardware – und zwar speziell im Bereich nachhaltige Entwicklung. Also entwickelte Produkte samt Bauplan, technischen Details und was es sonst so braucht, für alle zugänglich machen.

Warum ist das so wichtig?

Die größte Schwäche von Hardware-Erfindungen ist eine saubere Dokumentation. In Hobbywerkstätten oder Vereinen werden zum Beispiel sehr fortschrittliche Windräder oder solarthermische Geräte entwickelt. Funktioniert es dann, widmen sich die Tüftler meist dem nächsten Projekt. Kaum jemand dokumentiert den Aufbau, die technischen Feinheiten und was für den Nachbau nötig ist. Das wollen wir nun übernehmen. Dafür haben wir in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Institut für Normung (DIN e.V.) und rund 40 weiteren Partnern den ersten offiziellen Standard im Bereich von Open Source (Hardware) entwickelt: DIN SPEC 3105. 

Wenn man das Rad kein zweites Mal erfinden muss

Wofür steht diese Norm?

Die Projekte, die wir für gut befinden, werden von uns nicht nur dokumentiert, sondern auch zertifiziert. Das heißt, Spezialisten begutachten das Produkt und prüfen es unter anderem auf Qualitätsmängel, die Verwendung der richtigen Materialien und ob es statische oder dynamische Lastenprobleme geben könnte etc. Dadurch laufen die Dokumentation und die Zertifizierung mehr oder weniger parallel zueinander ab. Mit der DIN SPEC 3105 haben wir einen Standard festgelegt, den die Produkte erfüllen müssen. Damit geben wir den Menschen, die das Produkt später kaufen oder nachbauen, eine Art Garantie, ähnlich wie beim TÜV – allerdings nicht im rechtlichen Sinne. 

Wie sieht nun Ihr Plan aus? 

Es gibt viele gute Projekte im Bereich erneuerbare Energien, insbesondere sogenannte Do-it-yourself-Projekte. Andere Leute wissen aber oft gar nicht, dass diese Projekte existieren. Das führt dazu, dass das Rad meist ein zweites Mal erfunden wird. Wenn jemand beispielsweise eine kleine Solaranlage für die Wassererwärmung seines Einfamilienhauses entwickeln möchte, macht er sich womöglich doppelte Arbeit, da er von Grund auf alles neu entwickelt, anstatt auf bereits erprobte Grundlagen eines anderen Entwicklers zurückzugreifen. Deshalb suchen wir nach entsprechenden Projekten, bereiten sie dokumentarisch auf und stellen sie gesammelt öffentlich zur Verfügung. 

Könnte das nicht zu urheberrechtlichen Problemen führen?

Nein, denn wir veröffentlichen alles unter freien Lizenzen. Das wird mit den Entwicklern und Erfindern der Projekte natürlich vorher besprochen. Der frei zugängliche und kostenlose Zugang ist der Kern der Plattform. Jeder hat das Recht, die Erfindungen der Open Hardware zu verwenden, nachzubauen, weiterzuentwickeln und sogar kommerziell zu vertreiben. Das ist sehr wichtig, da besonders Firmen das Potenzial haben, solche Erfindungen bekannt zu machen. Unsere Zielgruppe besteht somit nicht nur aus Privatpersonen, die regenerative Energiesysteme kostengünstig selbst herstellen und einsetzen können. Hinzu kommen staatliche und gemeinnützige Organisationen und Unternehmen beziehungsweise Startups. Ihnen stellen wir auf unserer Plattform neue Ideen und entwicklungsfähige Produkte zur Verfügung. Damit sparen sich besonders Startups, die etwas in Richtung regenerative Energiesysteme machen möchten, teilweise die Forschungs- und Entwicklungskosten. Denn sie greifen bei uns ja direkt auf geprüfte Pläne zurück.

Die Messlatte liegt hoch

Was erhoffen Sie sich davon? 

Unser großes Vorbild ist Wikipedia – auch wenn eine so riesige Community für uns natürlich erst mal unerreichbar erscheint. Aber von der Philosophie her wollen wir – analog zu Wikipedia im Bereich des enzyklopädischen Wissens – etwas Derartiges für den Bereich des technisches Wissen schaffen. Für mich ist Wikipedia eine Revolution im Bildungswesen. Weltweit verwenden die Menschen heutzutage Wikipedia. Da steckt gutes, geprüftes und von vielen Leuten verbessertes Wissen drin, und das war nur durch eine starke Community möglich. Deshalb wollen wir eine Community aufbauen mit Menschen, die das technische Wissen aus verschiedensten Positionen, Erfahrungen und Wissensbeständen besser machen. Es soll so gut werden, dass man es bedenkenlos und mit gutem Gewissen anderen Menschen anbieten kann – Stichwort Norm. Wir werden die Plattform in drei Sprachen befüllen: Deutsch, Englisch und Spanisch. Das soll den internationalen Charakter betonen. 

Wie finden Sie passende Projekte für Ihre Plattform? 

Wir haben in den letzten zwei Jahren viel Vorarbeit geleistet. Zum einen die Entwicklung der DIN SPEC 3105 und den Aufbau einer Zertifizierungssoftware, bei der Baustein für Baustein und Komponente für Komponente einsehbar sind und die Community ihren Beitrag leisten kann. Zum anderen haben wir gemeinsam mit der Technischen Universität Berlin eine Suchmaschine programmiert, die eben solche Projekte im Netz findet – so versteckt sie auch sein mögen. Neben der Suchmaschine nutzen wir natürlich auch unser Netzwerk an Kontakten, um spannende Do-it-yourself-Projekte zu finden. Die Erfinder sprechen wir dann an, erklären unser Vorhaben und hoffen auf eine Zusammenarbeit. Gleichzeitig können sich Entwickler mit entsprechenden Projekten aber auch direkt bei uns melden.



Zur Person: Dietrich Jäger hat Maschinenbau studiert und hat unter anderem zwölf Jahre in Lateinamerika verbracht, wo er im Bereich Entwicklungszusammenarbeit, technische Entwicklungszusammenarbeit und Technologietransfer tätig war. 2000 kehrte er zurück nach Deutschland. Inzwischen ist er Inhaber eines Software-Unternehmens und arbeitet ehrenamtlich für Open Source Ecology Germany e.V. Er leitet dort unter anderem das von der E.ON Stiftung geförderte Projekt oho.wiki.