30. Juli 2020

Gastbeitrag von Marina Weisband: „Wem gehört die Digitalisierung?“

Das Thema Digitalisierung ist nicht neu. Auch nicht, wie wir im 21. Jahrhundert miteinander leben und arbeiten. Ein Fünftel des 21. Jahrhunderts ist jetzt vorbei und vielleicht hat Corona einfach nur den Letzten die Einladung ausgesprochen, eine bereits lange offenstehende Tür zu durchtreten. Das heißt – sich der Möglichkeit zu bedienen, ohne viel Aufwand den Raum selbst zu überwinden und die eigenen Gedanken, Worte, Materialien kostenlos und verlustfrei zu vervielfältigen. Das sind eigentlich die Kernerrungenschaften der Digitalisierung. Der Vergleich mit der damals neuen technischen Möglichkeit des Buchdrucks drängt sich auf. Die Möglichkeit der Vervielfältigung von Texten hat einen breiteren Zugang zu Bildung und Quellen möglich gemacht, was eine universelle Neubewertung des Anrechts auf Bildung und Wissen nach sich gezogen hat. Digitalisierung erreicht eine neue Qualität: wir haben nicht nur die Einer-zu-Vielen-Kommunikation, wir haben die Viele-zu-Vielen-Kommunikation. Eine technische Möglichkeit, die einen kulturellen Wandel nach sich ziehen kann. Stehen wir am Beginn einer neuen Aufklärung? Und wenn ja, wie gerecht ist dann der Zugang zu dieser Digitalisierung?

„Selbst wenn die Nutzer*innen der Plattformen hierarchiefrei sein mögen – die Plattformen selbst sind es nicht“

Meine politische Bewertung des Internets begann mit blauäugiger Begeisterung. Als ich 2009 in die Piratenpartei eintrat, schien die Verbindung von Internet und Politik eine utopische zu sein. Geradeheraus musste die Existenz des Internets praktisch zwangsläufig zu mehr Demokratie, mehr Egalität, zu breiterer Partizipation und folglich auch mehr Gerechtigkeit führen. Die Ableitung dessen erscheint ziemlich einleuchtend: Menschen, die ihre Meinung sofort, von jedem Ort aus, in Echtzeit kundtun können, kann man umso besser in einen demokratischen Prozess involvieren. Die junge Generation hat Zugriff auf mehr Informationen, auf mehr Reichweite und auf mehr Austausch als jede Generation vor ihr. Durch neue Technologie ist also ein gesellschaftlicher Umbruch möglich geworden, der sich nach und nach vollzieht. 

„Die, lernen wir nun aber, vollzieht sich eben nicht automatisch.“

Zunächst ist da die Nutzung. Noch immer haben nicht alle Menschen eine Internetanbindung, die diesen Austausch in vollem Maße erlaubt. Und viele Menschen besitzen nicht die Nutzungskompetenz – hier werden besonders ältere Menschen oft als Beispiel angeführt. Ich glaube, dass diese beiden Faktoren mit der Zeit verschwinden werden. Der Ausbau der Infrastruktur geht sträflich schleppend, aber eben doch voran. Die Pandemie dürfte die Notwendigkeit auch den letzten Skeptiker*innen bewiesen haben. Und immer mehr Menschen eignen sich die Kulturtechnik an. Das ist nämlich keine Frage des Alters, sondern eine Frage der Motivation. Je mehr Teilhabe über das Netz möglich ist, desto mehr Menschen lernen, entsprechende Endgeräte zu bedienen. Die werden zudem immer intuitiver (z.B. Touchscreens statt Maus und Tastatur) und benutzerfreundlicher. Durch ihre Multimedialität können digitale Medien sogar mehr Inklusion erlauben und Menschen ganz neue Art von Teilhabe ermöglichen. Doch gibt es gewichtige Gründe, warum die Digitalisierung nicht von allein den großen Demokratieschub gebracht hat und bringen wird, den ich mir damals blauäugig erhofft hatte. Ich liebte das Internet vor allem für seine Hierarchiefreiheit. Doch selbst wenn die Nutzer*innen der Plattformen hierarchiefrei sein mögen – die Plattformen selbst sind es nicht. Was ursprünglich in erster Linie dem Austausch von Wissen diente, wurde zum vordersten Schlachtfeld des Kapitalismus.  

„In diesem Modell sind die Nutzer*innen nicht die Kund*innen, sondern das Produkt“

Soziale Plattformen neigen qua ihrer Natur zur Monopolisierung. Ich will da sein, wo meine Freunde auch sind. Es gibt kaum Interesse daran, dass viele soziale Netze parallel Bestand haben. Diese Netzwerkeffekte machen im Internet also einige Unternehmen groß – und lassen die anderen sterben. Und die größten Unternehmen finanzieren sich hauptsächlich durch Werbung. Sie möchten also, dass möglichst der gesamte Internetverkehr möglichst über Ihre Plattform läuft – um möglichst viele Daten der Nutzer*innen sammeln und an Werbekunden verkaufen zu können. In diesem Modell sind die Nutzer*innen natürlich nicht die Kund*innen – sondern eben das Produkt. Und das ist umso wertvoller, je länger seine Aufmerksamkeit gebunden wird. Also braucht es erregende Inhalte, auf die möglichst viele Menschen reagieren. Darum verbreiten sich nicht die ausgewogensten Nachrichten in diesen Netzwerken am schnellsten – sondern die reißerischsten. Die klassischen Medien folgen diesem Trend, weil sie ebenso werbefinanziert sind und ebenso Klicks brauchen. Also liefern sie Facebook, Twitter und Co die reißerischen Überschriften und auffälligen Bilder. Einer demokratischen Debatte tut das nicht gut. Es spaltet.

„Wenn wir über die Gestaltung des Internets und sozialer Medien sprechen, müssen wir nicht zuletzt über Besitzverhältnisse sprechen“

Es ist insgesamt keine gute Idee, alle unsere Kommunikation, unseren demokratischen Diskurs, die Wirtschaft, die Wissenschaft, die Nachrichten über Plattformen abzuwickeln, die nicht nur Geld an uns verdienen wollen, sondern sogar müssen. Das ist eine Lehre, die wir mitnehmen können und sollten. Wenn wir über die Gestaltung des Internets und sozialer Medien sprechen, müssen wir nicht zuletzt über Besitzverhältnisse sprechen. Besitz der Daten, des Contents, der Software und der physischen Infrastruktur mit Kabeln und allem. Denn Macht hat der Besitzer – und das jetzige System beinhaltet sehr viel problematische, unlegitimierte Macht.

„Digitalisierung macht uns weder demokratischer, noch macht sie uns weniger demokratisch“

Gleichzeitig erleben wir über dieselbe Infrastruktur neuen Diskurs, neue Möglichkeiten. Während des arabischen Frühlings waren es soziale Medien, die den Dissidenten gezeigt haben, dass sie nicht allein sind. Sie gaben den Menschen Mut, auf die Straße zu gehen. Über soziale Medien organisieren und vernetzen sich weltweite Klimaproteste, Proteste gegen Rassismus, solidarische Aufrufe, sich während Corona gegenseitig zu schützen. Digitalisierung macht uns weder demokratischer, noch weniger demokratisch. Digitalisierung ist der große Verstärker. Sie vernetzt sowohl Rechtsradikale als auch Menschenrechtler*innen. Sie erlaubt sowohl Überwachung als auch anonymen Austausch. Bei eigentlich jeder Podiumsdiskussion, bei der es um „Die Digitalisierung von X“ ging, wurde hauptsächlich über „X“ gesprochen. Wir kommen schnell von digitalem Journalismus hin zu einer Diskussion über das Wesen und die Verwertungsmodelle von Journalismus. Aus einer Diskussion über Digitalisierung der Bildung wird eine Diskussion über Bildung, wie sie auch in den 80ern hätte geführt werden können. Digitalisierung zwingt uns dazu, vieles zu überdenken, was uns gewohnt war. Und das ist gut. Die Welt dreht sich weiter, die technologischen Möglichkeiten schreiten voran und mit ihnen unsere Kultur.

„Digitalisierung zwingt uns dazu, vieles zu überdenken, was uns gewohnt war. Und das ist gut.“

Wir dürfen nur nicht den Fehler machen, Angst vor der Gestaltung dieser Möglichkeiten zu haben. Wenn wir an Schulen Smartphones verbieten, überlassen wir es privaten Unternehmen, Jugendlichen beizubringen, was man online so macht. Wenn wir keine offene Software fördern, schreiben uns Apple und Microsoft vor, wie unsere Endgeräte auszusehen haben. Wenn wir keine parallele Infrastruktur aufbauen, sind wir abhängig von den Entscheidungen der Telekom, nach welchen Kriterien Daten weitergeleitet werden. Je mehr Skepsis die Zivilgesellschaft gegenüber der Digitalisierung an den Tag legt – und sich folglich nicht mit ihr beschäftigt – desto stärker begibt sie sich in die Abhängigkeit von Akteuren, die ganz eigene Interessen haben. 

Was wir brauchen, ist eine neue Aufklärung. Eine neue Maximalforderung daran, wie viel der Mensch wissen und können soll, wie selbstbestimmt er ist. Und das muss einhergehen damit, nicht nur unsere Gesellschaft gerechter, offener, demokratischer zu machen, sondern – als Teil von ihr – eben auch das Netz und die Endgeräte.