03. Dezember 2020

Gastbeitrag von Marina Weisband: „Wir fahren auf Sicht“

Wir fahren auf Sicht  

Wir fahren auf Sicht. Mit einem knapperen Satz lässt sich der Umgang der Politik im Speziellen – ja, der Menschen im Allgemeinen – mit den aktuellen Krisen nicht beschreiben. In der Klimakrise fahren wir in vielerlei Hinsicht auf Sicht. Und diese Sicht ist sehr, sehr eingeschränkt.

Damit meine ich nicht die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die uns seit mehr als dreißig Jahren klar vor Augen halten, wie ernst, schwerwiegend und weitreichend das Problem ist. In der theoretischen Auseinandersetzunge erkennen und verstehen wir die Krise, so wie wir die Umrisse einer Insel im Nebel grundsätzlich erkennen. Wir kennen jedoch den nächsten, konkreten Schritt nicht.

Warum können wir nicht über das Wetter reden?

Ich habe mich mit der öffentlichen Debatte um die Klimakrise näher beschäftigt und dabei zwei extreme Herangehensweisen beobachtet. Auf der einen Seite ist da Schweigen. Selbst wenn das Thema sich aufdrängt. Wenn der Wetterbericht von einem ungewöhnlich warmen November spricht. Oder von historischen Hurricanes. Es ist das Verschweigen der Wichtigkeit des Themas, als wäre es nur eines von vielen.

Auf der anderen Seite ist die aufgeklärte Diskussion über den Klimawandel düster, bisweilen fatalistisch. Es gibt da einen Drang, die Bevölkerung wachrütteln zu wollen, ihnen die tatsächliche Dramatik der Situation zu verdeutlichen, Ihnen zuzurufen, dass „weiter so“ keine Alternative mehr ist. Dafür braucht es dann drastische Beispiele, extreme Vorhersagen. So sachlich richtig diese aber auch sind – so schnell verpuffen sie.

Auch in meinem eigenen Geist vermischen sich die Gedanken. Es ist gerade eine Pandemie. Vielleicht folgt darauf eine Rezession. Wie viele Krisen können denn gleichzeitig wahrgenommen und verarbeitet werden? Vor wie vielen Dingen kann ich mich fürchten? Selbst sehr rationalen und mit dem Thema befassten Menschen geht es emotional nicht gut, wenn sie sich Dokus, Studien oder Übersichten über die verpassten Handlungsoptionen der Politik ansehen. So viele verschwendete Jahre! Der Mensch kann nicht ewig am Rande des Grauens existieren.

Vielleicht ist das auch der Grund, warum der Klimawandel in der öffentlichen Debatte derzeit nicht nicht mehr präsent ist. Die Medienmacher haben vermutlich Angst, ständig diesen Alarm zu läuten. Es kann alarmistisch klingen, obwohl das Wort ja impliziert, dass die Gefahr nicht echt sei. Vor allem aber kann es Menschen dazu bringen, für ihre psychische Gesundheit den Medienkonsum insgesamt herunter zu schrauben. Eine verständliche Reaktion.

Wir sehen es in Fragen von Digitalisierung, von Globalisierung, aber auch im Umgang mit Corona. Sobald ein Problem sehr komplex ist, unübersichtlich und außerhalb unseres individuellen Einflusses, fühlen wir uns ohnmächtig. Das ständige Gefühl des Kontrollverlusts führt zu sogenannter „erlernter Hilflosigkeit“: Wir sind es so gewöhnt, eh nichts verstehen oder ändern zu können, dass wir uns mit großen Themen gar nicht mehr befassen. Wenn uns die Möglichkeit einer Änderung gegeben wird, haben wir weder die Kompetenzen noch die Motivation, sie zu ergreifen.

Die Klimakrise ist komplex, sie ist abstrakt, sie ist gefühlt weit weg und nicht durch eine einzige Maßnahme in den Griff zu bekommen. Sie erfüllt alle Kriterien einer Sache, mit der sich unser Geist nicht gern beschäftigt.

Wir müssen einen Weg finden, sinnvoll über den Klimawandel zu sprechen und aus der Hilflosigkeit auszubrechen

Will man Menschen zum Handeln motivieren, kann Angst durchaus ein Antrieb sein – aber nur sehr kurzfristig. Wenn wir mit Hilfe von Energiewende, Digitalisierung, kluger Regulierung und breiter demokratischer Unterstützung das Klima schützen wollen, sind wir darauf angewiesen, alle Menschen als verantwortungsvolle Partner in diesem Prozess zu begreifen. Wir müssen als Gesellschaft handeln lernen. Das heißt, dass die Menschen auf Probleme nicht einfach nur reagieren oder sie hinnehmen, sondern zielgerichtet und verantwortungsbewusst als mündige Wesen selbst agieren. Dazu braucht es mehrere Voraussetzungen.

Erstens müssen die Menschen gut informiert sein. Die Klimakrise muss in den Nachrichten immer dort klar benannt werden, wo sie eine Rolle spielt. Mit aller Härte ihrer Konsequenzen. Statt „Börse vor Acht“ wäre „Klima vor Acht“ ein unserer Zeit angemessenes Format. Diese Berichterstattung darf aber natürlich nicht einfach nur wieder und wieder betonen, wie schlimm alles ist. Im Gegenteil. Es ist Aufgabe des Journalismus, ganz klar zu benennen, welche Schritte uns offen stehen, wer für sie verantwortlich ist und welche Handlungsmöglichkeiten für den Einzelnen bestehen. Solch ein Journalismus böte Perspektive und würde das Handeln stärken, anstatt bloße Angst zu schüren. Dieser Ansatz wird unter dem Begriff „konstruktiver Journalismus“ diskutiert und ist geeignet, zu informieren, ohne allgemeinen Weltschmerz zu verursachen.

Zweitens müssen wir die Systeme verstehen, die uns an der Veränderung hindern. Es ist sehr einfach, sich vorzustellen, dass die Energiewende deshalb so schwer ist, weil einige wenige böse Lobbyisten und korrupte Politiker das nicht zulassen. Das ist gewiss auch ein Teil der Wahrheit. Aber wir haben auch Systeme, die zum Selbsterhalt neigen und die prinzipiell nicht in der Lage sind, langfristige Veränderung einzuleiten. Nehmen wir an, ein Unternehmen würde von innovativer Veränderung und Klimafreundlichkeit langfristig profitieren. Die Boni der Führungskräfte, die Beförderungen, die Dividenden werden allerdings alle quartalsweise oder jährlich ausgeschüttet. Sie richten sich nach kurzfristigen Kennzahlen. Vereinfacht gesagt, schreckt das davor ab, neue Wege einzuschlagen, die kurzfristige Verluste bedeuten. Vielleicht fährt der Dampfer danach erfolgreicher weiter, aber ohne mich – so das kurzfristig incentivierte Denken. Ebenso denken Politiker in Legislaturperioden. Wenn ich heute etwas verbiete, wodurch die Welt in 20 Jahren eine bessere wäre, habe ich nicht viel davon, da das Verbot mich kurzfristig schlechter stellt. Wir fahren systemisch auf Sicht. Solange wir das nicht reflektieren und neue Anreizmechanismen tief in Politik und Wirtschaft verankern, wird sich nichts ändern. Wir müssen eine neue Art zu wirtschaften finden.

Drittens brauchen wir eine Selbstwahrnehmung, die mit unserer aktuellen Macht einhergeht. Wir sind potentiell besser informiert, als jede Generation vor uns. Wir können uns besser vernetzen, können lauter sprechen und uns besser durchsetzen. Es passt nicht zu uns, in einem Stadium dauerhafter Überforderung zu leben. Ja, ich kann nicht selbst die Braunkohleförderung verbieten. Aber ich kann Druck auf die Politik machen. Ich kann mich per Telefon, per Brief, per Social Media sichtbar und unübersehbar machen. Ich kann in Gesprächen mit Freunden und Familie konstruktiv aufklären. Wir sind nicht Opfer oder Konsumenten unserer Gesellschaft. Wir sind ihre Gestalter. Momente von Angst oder Verzweiflung sind in Krisenzeiten normal und dürfen akzeptiert werden. Aber Momente von Mut und Tatkraft gehören ebenso dazu.

Will ich, dass Menschen stärker in diese gestaltende Rolle gehen, muss ich schon in der Kita und in der Schule mehr verbindliche Partizipation zulassen. Verantwortung kann nur lernen, wer Verantwortung trägt. Im Moment tragen wir alle Verantwortung – im schlechten wie im guten Sinne.

Wir fahren auf Sicht. Aber wir können weiter blicken. Wir können neue Wege ausprobieren. Es wird Zeit, dass wir diesen Mut entwickeln.

Zur Autorin: Marina Weisband ist Politikerin und Autorin. Sie leitet das Projekt „Aula – Schule“ gemeinsam gestalten, das von der Bundeszentrale für politische Bildung gefördert wird. 2013 erschien ihr Buch „Wir nennen es Politik“.