25. März 2021

Gastbeitrag von Marina Weisband

Klimakrise: Innovation als Ausrede für den Status quo?

Die Hoffnung auf künftige technische Innovationen bei der Bekämpfung der Ursachen der Klimakrise ist nobel und wichtig, aber sie darf nicht dazu missbraucht werden, uns vom Handeln im Hier und heute abzuhalten. 

Der religiöse Glaube hat eine tiefe Bedeutung für die menschliche Psyche. Nahezu auf der ganzen Welt begegnet man der Idee einer höheren Instanz, die Kontrolle über die Welt hat, wo man selbst keine mehr spürt. Auch die deutsche Kultur ist geprägt vom christlichen Glaubensfundament, dass auch, wenn die uns heute umgebende Welt schwierig und ungerecht ist, man doch hoffen darf – auf eine kommende Welt, nach dem Tod, in der eine kosmische Gerechtigkeit herrschen würde. In der  man entschädigt würde für all die Unbill, die man im irdischen Dasein erfahren habe. Wie sonst wäre der Kontrollverlust, dieses Ausgeliefertsein, zu ertragen?

Im gesellschaftlichen Diskurs über die die zukunftsbildende Kraft der Innovation sind wir nicht weit weg von dieser Hoffnung. Sehen wir den Tatsachen ins Auge: Die Klimakrise überfordert uns. Sie überfordert uns nicht nur politisch, sondern auch emotional. Sie ist als Problem komplex und langwierig, sie kann nur kollektiv gelöst werden und ihre Lösung erfordert eine gewaltige Menge an unterschiedlichen Einzelmaßnahmen. Die Klimakrise ist perfekt geeignet als Thema, über das wir nicht gern nachdenken und auch nicht gut nachdenken können. Es liegt einfach nicht in der menschlichen Natur, derart komplexe Probleme leicht erfassen zu können.

Doch zum Glück werden von den Kanzeln der Parlamente Heilsversprechen gepredigt: Die Innovation wird kommen und uns erretten. In der „kommenden Welt“ wird es Technologien geben, die alle unsere jetzigen, schweren Entscheidungen überflüssig machen werden. Wer braucht einen CO2-Preis, wenn es Anlagen geben wird, die aktiv CO2 aus der Atmosphäre binden werden? Wer braucht den Ausbau von Windkraftwerken und Photovoltaikanlagen, wenn irgendwann die Kernfusion kommt und alle diese Technologien durch ihre enorme Effizienz überflüssig macht?

Automobile verpesten die Luft, verursachen Tote und nehmen Platz im öffentlichen Raum ein? Aber kein Problem! Wir betreiben sie einfach mit Elektrizität! Oder noch besser, mit Wasserstoff! Und diverse Fahrassistenten, KI und anderes Gedöns sollen dafür sorgen, dass die Fahrzeuge sicherer sind. Und das Platzproblem? Flugtaxis! Was wäre denn auch die Alternative? Den ÖPNV ausbauen? Das ist doch ein wenig zu utopisch.

Innovation negiert oft ihren eigenen Effekt

Dabei bin ich im Übrigen die Erste, die sich für die Förderung von innovativen Technologien begeistert. Ich liebe die menschliche Fähigkeit, aus ein paar Werkzeugen Lösungen für menschliche Probleme zu bauen, die unser Leben zunehmend besser machen, die Ernährung für alle (naja, fast alle) gewährleisten, uns mit Energie versorgen, uns vernetzen und uns zu den Sternen fliegen lassen. Unbedingt müssen wir in Forschung investieren: und zwar in offene Forschung, die offene Daten produziert, mit denen international kollaborativ gearbeitet werden kann. Was dann durch die technische Innovationskraft möglich ist, sehen wir bei der Entwicklung der Impfstoffe gegen Covid-19.

Doch ich sehe auch zwei Probleme. Erstens führen neue Technologien paradoxerweise fast nie zu weniger, sondern meist zu mehr Ressourcenverbrauch. Das ist als Rebound-Effekt bekannt. So können immer sparsamere Motoren dazu führen, dass immer größere Autos verkauft werden. Man kann sie sich schließlich leisten und bekommt auch noch mehr rein – das ist ja praktisch. Dreifachverglasung isoliert weit besser – ermöglicht dadurch aber auch mehr Fensterfläche. Die Innovation negiert damit also ihren eigenen Effekt. Reine Effizienzsteigerung ohne das Ziel der tatsächlichen Einsparung wird über kurz oder lang also dahin führen, wo wir schon sind.

Das zweite Problem besteht darin, dass die Hoffnung auf die Fortschritte der Technologie uns davon abhält, hier und heute aktiv zu handeln. Die technologischen Heilsversprechen werden uns als Karotte an einer Schnur vors Gesicht gehalten, um uns davon abzulenken, dass der Klimawandel um uns herum in katastrophalem Ausmaß hier und heute stattfindet. Und wir nehmen es gern an, denn es nimmt die Angst davor. Ich mache mir zum Beispiel große Sorgen um den Golfstrom, der zunehmend langsamer wird und zu versiegen droht, was völlig unberechenbare Auswirkungen auf das Wetter bei uns hätte – und in der Folge natürlich auch auf die Ernten, Gesundheit, Wasserversorgung und so weiter. Wäre doch prima, wenn man da irgendwie irgendwas mit Turbinen machen könnte oder so. Doch so schön Entspannung auch ist. Dieses Gefühl der Entspannung nimmt uns den aktuell nötigen Handlungsdruck.

Die Krise von morgen muss auch mit den Mitteln von heute bekämpft werden

Das ist die Strategie jener Menschen, die mit der Zerstörung des Klimas ihr Geld verdienen. Nach außen hin setzen sie stets auf Innovation und rein technischen Fortschritt. Nicht mal so sehr, weil sie durch weniger CO2-Ausstöße ihre Geschäftsmodelle beibehalten könnten – sondern, weil das den Druck aus der Debatte nimmt, damit niemand sie mit tatsächlichen, akuten und sofort umsetzbaren Maßnahmen behelligt wie vernünftige CO2-Bepreisung, Verbrennerverbote oder die Förderung regenerativer Energien.

Letztere sind beispielsweise eine utopische Zukunftstechnologie, die aber das Pech hat, in Konkurrenz zur bestehenden Energieversorgung mit Kohle zu stehen, weshalb immer wieder Argumente gefunden werden, warum sie leider nicht flächendeckend eingesetzt werden kann (Solardeckel, Mindestabstand für Windräder etc.).

Übersetzt in die allgegenwärtige Analogie der Coronapandemie wäre das so, als würden wir alle überhaupt keine Masken tragen, Abstände halten und Kontakte reduzieren, weil wir ja schließlich in die Entwicklung von Impfstoffen investieren. Stimmt, die Entwicklung von Impfstoffen ist wichtig. Langfristig wird sie uns maximale Freiheit bei maximaler Pandemielosigkeit bescheren. Aber bis der Impfstoff da ist, sind nun mal akute Maßnahmen notwendig, weil wir sonst gar nicht an den Punkt kommen, einen Impfstoff zu brauchen.

Ich werde niemandem widersprechen, der sagt, Innovation sei eine zentrale Lösungsstrategie der Menschen, die ihren Planeten – allerdings ausgelöst durch Innovation – aus Versehen weniger bewohnbar gemacht haben. Wir brauchen gebildete und kreative, junge Menschen. Wir brauchen freie, offene und gut finanzierte Forschung. Die Kunst ist aber, gleichzeitig Innovationen voran zu treiben, ohne sich von einem “Vielleicht” blenden zu lassen gegenüber dem, was jetzt schon möglich ist. Denn je früher wir anfangen, desto günstiger ist die Rettung der Welt. 

Die Prämisse muss sein, jetzt regulativ so zu handeln als würde die Kernfusion nie voll einsatzfähig sein. Die jetzige Krise muss mit den Mitteln des Jetzt bekämpft werden, um die Gestaltung der Zukunft zu ermöglichen. Und wenn dann die Kernfusionsreaktoren in zwanzig Jahren breitflächig in Betrieb gehen, können wir uns freuen, dass wir endlich wieder Energie im Übermaß konsumieren können. Machen wir uns nichts vor. Je länger wir fromm auf die Versprechungen der kommenden Welt warten, desto mehr entgleitet uns die jetzige, die eine Welt, in der wir leben können.


Zur Autorin: Marina Weisband ist Politikerin und Autorin. Sie leitet das Projekt „Aula – Schule“ gemeinsam gestalten, das von der Bundeszentrale für politische Bildung gefördert wird. 2013 erschien ihr Buch „Wir nennen es Politik“.