04. Januar 2022

Von René Mono

Ja, bitte! Nein, danke! Energiewende für alle?

In Deutschland unterstützt eine überwältigend große Mehrheit – etwa neun von zehn Bürger:innen – die Energiewende. Den meisten von ihnen geht es dabei nicht schnell genug.

Dies zeigte bereits die erste große Bevölkerungsumfrage, die die E.ON Stiftung 2017 in Zusammenarbeit mit dem Potsdamer Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) veröffentlicht hat. Seitdem haben viele andere Studien dieses Ergebnis bestätigt. Doch wir sollten uns nicht täuschen: Die hohe Zustimmung zur Energiewende und zum Klimaschutz auf abstraktem Niveau heißt keineswegs, dass der Weg zur Klimaneutralität ein Spaziergang wird. Das Gegenteil ist wahr. Wenn es um konkrete Maßnahmen geht, die die Menschen in ihrem Alltag betreffen, gibt es neben den Unterstützer:innen zwei große gesellschaftliche Gruppen, die skeptisch bis ablehnend sind. Dies zeigen Clusteranalysen, die die E.ON Stiftung selbst auf Basis von Umfragen des Meinungsforschungsinstituts Forsa in Zusammenarbeit mit dem IASS und dem RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung erstellt hat. Grundgesamtheit waren jeweils über 6.000 Befragte, die Erhebungszeiträume September und Oktober 2019 sowie Juli 2021

Alter, Bildung, Ideologie, materielle Situation

Die erste Gruppe lehnt die Energiewende aus ideologischen Gründen ab. Menschen, die ihr angehören, glauben nicht an den menschengemachten Klimawandel. Die zweite Gruppe umfasst vor allem Menschen, die sich Sorgen machen – und zwar darüber, sich die Energiewende nicht leisten zu können. Sie geben an, dass sie sich bereits heute wegen hoher Energiepreise in ihrem Alltag einschränken müssen und befürchten, dass sich dies in Zukunft verschlimmert. Hinsichtlich ihrer soziodemografischen Merkmale sind sich die beiden Gruppen relativ ähnlich: Ihre Mitglieder verfügen über ein niedrigeres Einkommen und eine niedrigere formale Bildung, schätzen sich politisch eher als rechtsstehend ein und blicken generell eher skeptisch auf das Leben. Auffallend ist, dass Mitglieder der Gruppen, die aus ideologischen Gründen die Energiewende ablehnen, überdurchschnittlich alt sind. Hingegen sind die Menschen, die aus materiellen Gründen skeptisch sind, recht jung. Eine Unterscheidung ergibt sich auch bei der Bewertung von Umweltschutz. Diejenigen, die der Energiewende aus materiellen Gründen skeptisch gegenüberstehen, sind angesichts der globalen Umweltprobleme besorgter als der Rest der Gesellschaft, und sie stellen die Gruppen dar, die sich am klarsten zu natürlichen Wachstumsgrenzen bekennen. Bei den ideologisch motivierten Skeptiker:innen ist es anders: Sie sind am zögerlichsten, wenn es darum geht, Umweltschutz Vorrang gegenüber Wirtschaftswachstum zu geben, und sie sind am wenigsten ob der Umweltverhältnisse beunruhigt.

Hinsichtlich der Bewertung von Klimaschutzmaßnahmen sind sich beide Gruppen dann aber wieder einig. In beiden Gruppen lehnt eine deutliche Mehrheit eine Erhöhung des CO2 -Preises auf 50 Euro pro Tonne ab – anders als dies im Rest der Bevölkerung der Fall ist.

Eine weitere Befragung, die die E.ON Stiftung mithilfe des Meinungsforschungsinstituts civey in den Monaten April bis August 2021 durchgeführt hat, ergab: Für die Frage der gesellschaftlichen Unterstützung von Klimaschutz ist insbesondere die Frage entscheidend, wo die Menschen wohnen.

Stadt oder Land, Dienstleistung oder Produktion

Unterstützer:innen eines umfassenden, ambitionierten Klimaschutzes wohnen vor allem in zukunftsfähigen Regionen. Die Zukunftsfähigkeit lässt sich an der Alters-, der Bildungsstruktur oder der Wirtschaftsstruktur sowie an der allgemeinen Bevölkerungsentwicklung festmachen. So ist in Regionen mit einem hohen Anteil jüngerer Menschen oder mit überdurchschnittlich vielen Abiturient:innen, mit einem überdurchschnittlich hohen Bruttoinlandsprodukt pro Kopf die gesellschaftliche Unterstützung für einen umfassenden Klimaschutz höher. Aber auch in Regionen, in denen die Bevölkerung wächst und besonders viele im Dienstleistungssektor Beschäftigte wohnen, sind mehr Menschen für einen ambitionierten Klimaschutz offen als in schrumpfenden Regionen und Regionen, in denen der produzierende Wirtschaftssektors große Bedeutung hat. Allgemein lässt sich deswegen sagen: Klimaschutz hat in prosperierenden Großstädten bessere Chancen als auf dem Land. 

Das ist durchaus verständlich. Denn in ländlichen Regionen zu wohnen heißt auch, aufgrund des schlechteren ÖPNV-Angebots stärker auf den eigenen Pkw angewiesen zu sein. Dementsprechend ist nicht verwunderlich, dass in solchen Wahlkreisen eher Ablehnung gegenüber höheren Benzinpreisen und einem möglichen Verbot von Verbrennern herrscht. So weit, so rational. Der Zusammenhang zwischen einer stärkeren Ablehnung von Klimaschutz und der Beschäftigungszahl im produzierenden Gewerbe lässt allerdings auch einen gewissen kulturellen Einfluss auf die Einstellungen zum Klimaschutz erahnen.

Von der Veränderung profitieren

Was bedeutet dies nun für eine sozial nachhaltige Klimaschutzpolitik?

Zum einen muss man anerkennen, dass es eine Klimaschutzpolitik, die alle glücklich machen und keinem wehtun wird, nicht geben kann. Manchen – vielleicht sogar den meisten – wird es häufig nicht schnell genug gehen. Andere – vielleicht ein Fünftel der Bevölkerung – werden Klimaschutzmaßnahmen aus grundsätzlichen (eben: ideologischen) Gründen ablehnen. Und wiederum andere – ungefähr ein Viertel der Bevölkerung – werden auf finanziellen Sorgen beruhende Einsprüche erheben, wenn der Klimaschutz sie in ihrem Alltag vermeintlich zu hart trifft. 

Der Politik kann man nur zweierlei raten: erstens, keine Angst vor der eigenen Courage zu haben. Wer zu sehr darauf achtet, keinem auf die Füße zu treten, wird nicht in der Lage sein, eine konsistente und effektive Klimaschutzpolitik zu entwickeln und zu vertreten. Gefragt sind Mut, Entschlossenheit und Führungsstärke. Das heißt natürlich nicht, dass Klimaschutzpolitik blind für die Sorgen und Nöte der Menschen sein sollte. Im Gegenteil. Die materielle oder auch nur empfundene Lebenswirklichkeit ist – wie unsere Studien zeigen – der wesentliche Prädiktor für die Unterstützung oder Ablehnung eines ambitionierten Klimaschutzes. Und dies bedeutet ganz konkret: Wer sich – ob der eigenen Lebensumstände und vielleicht auch Abhängigkeiten (vom Auto, von Vermieter:innen, von einer kürzlich erworbenen Ölheizung usw.) – als Verlierer:in der Transformation fühlt, wird sie höchstwahrscheinlich ablehnen und vielleicht auch dagegen aufbegehren.

Kluge Klimaschutzpolitik – das ist die zweite Schlussfolgerung – setzt genau hier an und gibt zielgerichtet genau diesen Menschen die Chance, von der Veränderung zu profitieren. Gerade mit dezentralen erneuerbaren Energien – vor allem mit Solardachanlagen – ist dies ohne Weiteres möglich. Doch noch fehlt es an klugen Strategien, wie man mit ihnen noch mehr regionale Wertschöpfung erreichen kann.

So viel ist sicher: Lange wird sich die Energieund Klimapolitik diese Nachlässigkeit nicht mehr erlauben können, ohne das gesamte Projekt aufs Spiel zu setzen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt weiter zu strapazieren. 

 

Zum Autor: René Mono leitet in Berlin die Hauptstadtrepräsentanz der E.ON SE. Bis zum Herbst 2021 war er Geschäftsführer der 100 prozent erneuerbar stiftung mit Sitz in Berlin. 

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