11. Juni 2021

Sara Abbasi im Interview

„Nachhaltigkeit ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe“

Auch in der Kultur setzen immer mehr Akteure auf Nachhaltigkeit. Um den Weg zur Klimaneutralität erfolgreich zu bestreiten, braucht es die Kenntnis darüber, wo die jeweils größten Emissionsquellen liegen – Daten, die der „CO2-Rechner für die Kultur“ liefert. Es ist ein Pilotprojekt, das von uns gefördert wird. Die Ruhrtriennale gehört zu den ersten Akteuren, die ihn testen wollen.

Im Interview spricht die Dramaturgin Sara Abbasi (Ruhrtriennale) über den CO2-Rechner und erklärt, warum das Thema Nachhaltigkeit in der Kultur mittlerweile einen hohen Stellenwert genießt.

Sie wollen ebenfalls beim Projekt „CO2-Rechner für die Kultur“ mitmachen? Dann hier informieren.



Frau Abbasi, die Ruhrtriennale geht in diesem Jahr sehr stark das Thema Nachhaltigkeit an. Warum beschäftigt Sie das Thema so?

Sara Abbasi: Als internationales Festival der Künste, das in denkmalgeschützten, weitverzweigten Industriestandorten des Ruhrgebietes stattfindet, sind wir täglich konfrontiert mit den verheerenden Auswirkungen der Montanindustrie an der Natur und den strukturellen Problemen der Mobilität in Nordrhein-Westfalen. Die Gründung der Ruhrtriennale im Jahr 2002 markiert zugleich ein Umdenken im Umgang mit dieser Vergangenheit und zeigt die Möglichkeiten und Chancen auf, die in der kulturellen Umwidmung eben jener Orte liegen.

Ich bin erst vergangenen November ins Ruhrgebiet gezogen – selbstverständlich war ich schon oft als Besucherin in der Region – aber in dieser geballten Form war mir vieles neu. Es braucht dazu auch die physische Erfahrung, frau/man muss diese alten Zechen und Kokereien körperlich erleben, um eine Vorstellung von der Gewalt dieser Orte zu bekommen. Zugleich ist eine gewisse Verkitschungstendenz zu beobachten, wenn wir an die Kohle-Vergangenheit des Ruhrgebietes denken. Was für die einen Orte der wirtschaftlichen Prosperität, der industriellen Potenz, der florierenden Zukunft waren, sehen andere Menschen heute möglicherweise als Orte der Zerstörung und des Raubbaus. Diese Spannung finde ich interessant – und es ist in gewisser Weise das Erbe, das wir antreten.

Warum ist es auch Aufgabe der Kulturschaffenden, sich damit auseinanderzusetzen?

Erst einmal sind Kulturschaffende ja auch Menschen oder genauer gesagt Bürger:innen und bilden gemeinsam mit diversen anderen Menschen und Berufsgruppen das, was wir Gesellschaft nennen. Und dass das Thema Nachhaltigkeit eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist, versteht sich von selbst.

Darüber hinaus sind Theater Orte, die gesellschaftliche Diskurse aufspüren, darstellen und kontextualisieren – im Idealfall als Seismograf oder Menetekel. Da wir Spielorte sind, können wir Dichotomien und Ambiguitäten andere Resonanzräume bieten, als es politischem Pragmatismus oder wirtschaftlichem Effizienzdenken gegeben ist. Unser Pfand ist also unsere Perspektive. Wir sind einerseits Luftgeister, die durch Möglichkeitsräume schwirren, zugleich aber gesellschaftlich determinierte Menschen aus Fleisch und Blut, die den Müll falsch trennen, zu viel Papier ausdrucken und dem Verlangen nach einem blutigen Steak nicht immer widerstehen.

Verglichen mit der Energiewirtschaft oder der Industrie ist der CO2-Ausstoß der Ruhrtriennale überschaubar. Dennoch sind auch wir durch unsere Arbeit für die Neuproduktion von Bühnenbildern und Kostümen verantwortlich, verbrauchen Ressourcen, setzen Emissionen frei, verursachen Flugreisen und sind teilweise selbst auf das Auto angewiesen, um von einem Spielort zum anderen zu gelangen. Als Festival können wir das strukturelle Mobilitätsproblem in NRW nicht lösen, aber wir können uns die Frage stellen, wie wir damit umgehen, was unsere Ideen und Bedürfnisse sind und wie wir uns in dieser so entscheidenden Phase der politischen Weichenstellung Gehör verschaffen.

 

Wie gehen Sie das Thema Nachhaltigkeit konkret bei der Ruhrtriennale an?

Im Grunde sind wir noch immer damit beschäftigt, zu verstehen was Nachhaltigkeit meint und wie wir diesen Begriff in seiner ganzen Komplexität auf uns als internationales Festival anwenden können – wir sind quasi noch in der Phase der Bestandsaufnahme. Daraus werden wir unsere strategische Ausrichtung entwickeln und überlegen, wohin die Reise geht. Eine gute Reise braucht gute Vorbereitungen und Reisegefährt:innen und genau darum kümmern wir uns gerade: Wir sammeln alle Informationen und verfügbaren Daten über unsere Reiseroute, um sie genau zu definieren und zu entscheiden, ob wir Wanderschuhe oder High-Heels einpacken. Und wir suchen uns Verbündete. Zum einen setzen wir auf die Zusammenarbeit mit dem Studiengang für Nachhaltige Entwicklung der Hochschule Bochum, die Netzwerkarbeit mit dem Aktionsnetzwerk Nachhaltigkeit sowie dem regionalen Austausch mit anderen Festivals und Theatern im Ruhrgebiet. Außerdem ist für uns die Teilnahme am Pilotprojekt Julie’s Bicycle enorm wichtig. Wir sind froh darüber, mit so viel Unterstützung unsere CO2-Bilanzierung angehen zu können.

Es ist auch nicht so, dass das Thema Nachhaltigkeit vor uns niemanden an der Ruhrtriennale interessiert hätte. Es wurde schon einiges in die Wege geleitet, bevor wir kamen. Bereits der Umzug unseres Headquarters vor rund drei Jahren von Gelsenkirchen nach Bochum war ein großer Schritt in die richtige Richtung, da unser neues Bürogebäude sehr nachhaltig ist – wenn auch nicht besonders schön.

Natürlich stellen wir uns die Frage, worin unsere Möglichkeiten als internationales Festival liegen. Wie können wir unsere Reichweite, unsere Sichtbarkeit und unseren Einfluss nutzen, um Berührungsängste mit dem Thema abzubauen und zugleich zeigen, dass die kritische Selbstbefragung der eigenen Nachhaltigkeit nicht zwangsläufig einer kunstfeindlichen, asketischen Verbotslogik entspringen muss, sondern eine kreative, offene und lustvolle Auseinandersetzung sein kann?

Warum sind Sie Teil des Pilotprojekts „CO2-Rechner“ geworden und was erhoffen Sie sich davon?

Die Basis für die Planung konkreter Schritte sind Daten und Fakten. Apriori lassen sich Wunschlisten erstellen, was auch wichtig ist, um den utopischen Drive vor lauter Realitätscheck nicht zu verlieren. Aber unabhängig von Fakten oder Erfahrungswerten lassen sich keine validen, brauchbaren Aussagen treffen und keine Maßnahmen definieren. Wir haben eine Liste unserer SDGs erstellt, vieles ist konkret und zeitnah umsetzbar, anderes ist noch unrealistisch, was aber nicht heißt, dass wir langfristig nicht doch einen Schritt in die Tür kriegen. Langfristig zu planen, ist im Kontext der Ruhrtriennale natürlich schwierig, weil die künstlerische Leitung alle drei Jahre wechselt. Wir wissen also schon jetzt, dass 2023 unser letztes Jahr sein wird. Bis dahin wollen wir so viel wie möglich umsetzen und für unsere Nachfolger:innen eine Situation hinterlassen, mit der sie gut weiterarbeiten können. Grundsätzlich werden wir alle Maßnahmen transparent kommunizieren und auf unserer Website prozessual veröffentlichen.