04. Dezember 2020

Interview mit Professorin Jutta Allmendinger und Jan Wetzel

„Es sollte nicht um moralische Schuldzuweisung gehen”

In der öffentlichen Wahrnehmung gilt nicht zuletzt wegen Greta Thunberg und der „Fridays for Future“-Bewegung die junge Generation im Vergleich zur älteren als umweltbewusster. Deckt sich das mit Ihren Erkenntnissen aus der Vermächtnisstudie des WZB, der Zeit und infas?

Unsere Ergebnisse überraschen: Fragen wir nach der eigenen Akzeptanz harter politischer Maßnahmen zum Umweltschutz, finden wir keine Unterschiede zwischen den Altersgruppen. Anders ist das bei dem Bild, das man von seinen Mitmenschen hat: Jüngere Menschen haben stärker den Eindruck, dass Andere Maßnahmen zum Klimaschutz nur widerwillig annehmen.

Inwiefern passt das ausgeprägte Konsumverhalten der vor allem jüngeren Generation zum Anspruch, nachhaltig zu handeln?

Unsere Ansprüche stehen nie vollständig im Einklang mit dem, was wir tun. Wichtig ist, ob man dem Ziel näher kommt. Beim Thema Nachhaltigkeit machen viele Menschen die Erfahrung, wie begrenzt die eigene Macht ist. „Fridays for Future” fordert deshalb keine individuelle Verhaltensanpassung, sondern die Umsetzung dessen, was durch internationale Verträge längst beschlossen ist.

Provokant gefragt: Wer ist in Bezug auf Klimaschutz besser – die Jungen oder die Alten?

Im Supermarkt kaufen alle ein. Insofern sollte es nicht um moralische Schuldzuweisung gehen, sondern die Frage, wie Wirtschaft und Gesellschaft sich insgesamt ändern müssen, so dass man guten Gewissens ins Regal greifen kann – egal, wie alt man ist.

Für ein neues Energiesystem und die Bewältigung der Klimakrise braucht es die ganze Gesellschaft. Besteht die Gefahr eines Generationenkonflikts, der dem entgegensteht? Wenn ja, wie lässt sich dieser lösen?

Der Generationenkonflikt ist da, das haben Fridays for Future unmissverständlich formuliert und spiegelt sich in der unterschiedlichen Wahrnehmung der Gesellschaft, die unsere Daten sichtbar macht. Die Anklage der älteren Generationen und der mediale Diskurs zeigen bisher aber nur begrenzte Wirkung. Jetzt müssen junge Menschen selbst in die Parlamente und andere gesellschaftliche Machtpositionen, wenn sie einen Unterschied machen wollen.

Zu den InterviewpartnerInnen: Professorin Jutta Allmendinger ist Soziologin und seit 2007 Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB). 2013 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse. Jan Wetzel ist beim WZB wissenschaftlicher Mitarbeiter der Forschungsgruppe der Präsidentin, bei der Bildungs-, Arbeitsmarktforschung, Geschlechterstudien und Wissenschaftspolitik im Fokus stehen.