04. November 2021

Interview mit Sude Kınık und Marvin Huber vom European Youth Parliament

„Die Jugend wird von der Politik ausgeschlossen“

Sie nennen sich „Young Ambassadors on the Future of Europe“. Die Türkin Sude Kınık und der Österreicher Marvin Huber gehören zu einer Gruppe von Jugendlichen, die ein Ziel haben: Die Meinungen ihrer Generation zu akuten Problemen zu sammeln und an Entscheidungsträger:innen heranzutragen. Doch wie stark wird die Jugend überhaupt in die aktuelle Politik einbezogen? Und welche Ergebnisse versprechen sich die beiden Mitglieder des von uns geförderten European Youth Parliament (EYP) im Hinblick auf die aktuelle UN-Klimakonferenz COP26? Ein Gespräch mit spannenden Lösungsvorschlägen und viel Motivation.

 

Die Agenda der COP26 ist umfassend. Gibt es Themen, die euch besonders am Herzen liegen? 

Marvin: Einer der für uns wichtigsten Punkte, um eine gerechte sozial ökologische Wende zu garantieren, ist eine holistische Herangehensweise an die Klimakrise. Das bedeutet für uns, dass die Maßnahmen, welche hoffentlich bei COP entschieden werden, alle Lebensbereiche ökologisch reformieren. Das stellt den einzigen Weg dar, die Klimakrise noch abzufedern.

Sude: Da das Pariser Abkommen für und von Staaten ausgearbeitet wurde, werden darin nur die Rechte und Pflichten der Staaten nach internationalem Recht erläutert. Daher halte ich es für notwendig, dass NGOs und Unternehmen sowie lokale Regierungen und indigene Gemeinschaften die Prozesse aus ihrer Sicht beeinflussen. Mit diesem gesammelten Wissen können wir wirksame Strategien für mehr Klimaschutz finden und so vom Konsumdenken wegkommen und eine integrierte Beziehung zwischen Menschen, Planet und Wirtschaft aufbauen.

Am 5. November steht das Thema „Youth and public empowerment“ auf der Tagesordnung. Welche Erwartungen habt ihr an diesen Tag?

Sude: Ich erwarte Vielfalt: Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund aus verschiedenen Regionen – und damit nicht nur Menschen, die Statistiken lesen und weit weg von der Krise sind. Außerdem hoffe ich, dass wirklich zugehört wird. Dass die Ideen der Gesellschaft in der Politik konkrete Gestalt annehmen.

Marvin: Dem kann ich nur zustimmen. Der oft elitäre Charakter der multilateralen Gesetzgebung muss endlich relativiert und auf den Boden zurückgeholt werden. Aus der gesamten Welt reisen Repräsentant:innen von NGOs und der Zivilgesellschaft an, um für ihre Zukunft einzustehen. Wir wünschen uns – nein, wir fordern –, dass diese endlich angemessenes Gehör bekommen und Taten folgen. Gibt es keinen fundamentalen Kurswechsel, erreichen wir in rund sechs Jahren die Hemmschwelle der 1,5 Grad. Das hat katastrophale und irreversible Folgen. Das müssen alle realisieren. Und nicht weniger erhoffen wir uns von diesem Dialog.

„Die Fridays-for-Future-Bewegung war revolutionär“

Vor allem durch Greta Thunberg und die Fridays-for-Future-Bewegung hat die Jugend wieder eine Stimme bekommen. Wie schätzt ihr das Thema „Youth Empowerment“ ein – habt ihr die Chance, etwas zu bewirken?

Marvin: Davon sind wir überzeugt! Denn selbst wenn wir nicht direkt durch Politiker:innen „empowered“ wurden, so wurden wir es von all jenen Personen, die unsere Zielvorstellungen teilen.

Sude: In meiner Kultur wird von Kindern erwartet, dass sie still sind und gehorchen. Die Fridays-for-Future-Bewegung war da in diesem Sinne revolutionär. Allein die Tatsache, dass wir uns gegen Staatsoberhäupter gestellt haben und für das eingetreten sind, woran wir glauben, sorgte für Aufsehen. Unsere Bewegung hat Millionen von Menschen gezeigt, dass wir nicht ermächtigt werden müssen. Daher bin ich zuversichtlich, dass wir etwas bewirken, wenn wir uns weiter für den Klimaschutz einsetzen. Voraussetzung: Alle Staatsoberhäupter und Bürger:innen beeinflussen sich gegenseitig und lernen voneinander.

Hat die Jugend genug Mitspracherecht in der Politik?

Marvin: Leider beschränkt sich unser Mitspracherecht in der Politik oft ausschließlich auf einen kurzen Ideenaustausch in der Form einer Fragerunde mit Entscheidungsträger:innen, welche nach einer Stunde das Gebäude mit unveränderter Meinung verlassen. Wir hoffen auf eine konstante Einbeziehung von Jugendlichen im politischen Prozess als Konsultierte, Kontrollorgan und umfassend Repräsentierte. Vor allem im Anbetracht der Klimakrise ist eine Sache eindeutig: Wir als Jugend werden diese ertragen müssen, obwohl wir sie nicht verursacht haben.

Sude: Es gibt die Illusion der „Jugendvertretung“, aber wir sind immer noch von der Politik ausgeschlossen. Das Problem ist nicht, dass es uns an Ideen oder Bewusstsein mangelt. Diese Generation weiß viel und ist sehr klug. Nach meinen Erfahrungen als Mitglied des European Youth Parliaments kann ich sagen, dass wir die Fähigkeit haben, innovative, interessante, kreative, neue und strategische Lösungen in vielen Bereichen zu entwickeln – sogar bei so komplexen Themen wie Verteidigung oder Umwelttechnologien.

Ihr habt die Rolle als junge Botschafter:innen für die Zukunft Europas übernommen und seid das Sprachrohr für Menschen eures Alters. Wie groß ist eure Verantwortung?

Marvin: Jeder Mensch hat eine Verantwortung, etwas zu der Lösung dieses Problems beizutragen. Wir versuchen unser Bestes, für unsere Meinungen einzustehen und diese so nah wie möglich an direkte Entscheidungsträger:innen heranzutragen. Wir sind enorm dankbar für diese Möglichkeit. Natürlich werden wir diese Chance dementsprechend nutzen und alles daran setzen, etwas zu erreichen.

Wie motiviert ihr andere Menschen – ob jung oder alt –, sich mit Klimaschutz auseinanderzusetzen?

Sude: Ich motiviere sie, indem ich ihnen sage, dass sie keine großen Opfer bringen müssen. Wenn sie ökologischer werden wollen, müssen sie sich zwar vom schnellen Konsumverhalten lösen. Sie müssen ihre Ernährungsgewohnheiten aber nicht völlig aufgeben, sondern umweltfreundliche Alternativen wählen oder bei umweltfreundlichen Marken kaufen. Sie müssen nicht auf ihr Auto verzichten, aber können mehr zu Fuß gehen, Fahrrad fahren oder die Treppe benutzen. Ich versuche, das radikale Image vom Umweltschutz zu lösen.