13. Oktober 2021

Manfred Fischedick im Interview

„Wir brauchen ein alternatives Wohlstandsverständnis“

Im Gespräch zur Vereinbarkeit von Wirtschaftswachstum und der Senkung des Energie- und Ressourcenverbrauchs äußert sich Energie- und Klimaforscher Manfred Fischedick optimistisch – unter bestimmten Bedingungen. Welche das sind, wieso Mut zu Veränderungen wichtig ist und ob Überfluss glücklich macht, lesen Sie hier im Interview.

„Es war sehr schön mit dem Wirtschaftswachstum, aber es geht leider nicht mehr“, schreibt der Publizist und Soziologe Harald Welzer in seinem Gastbeitrag für uns. Stimmen Sie dem zu? Sind wirtschaftliches Wachstum und die Senkung des Energie- und Ressourcenverbrauchs unvereinbar?

Nicht zwingend. Es kommt sehr darauf an, was wächst und was schrumpft. Von zentraler Bedeutung ist jetzt so schnell wie möglich von durch fossile und nukleare Energieträger geprägten linearen Strukturen auf eine erneuerbare und zirkuläre Basis umzusteigen. Zirkularität fängt dabei beim umsichtigen Design der Produkte an, das diese – durch Re-Use, Re-Manufacturing und Recycling – wiederverwertbar macht. Zudem geht es darum, Produkte effizienter und bewusster sowie intensiver zu nutzen, etwa durch Sharing-Modelle, und damit den Bedarf an Primärmaterialien zu reduzieren. 

Sie sind Innovationsforscher. Provokant gefragt: Ist Innovation das Allheilmittel im Kampf gegen die Klimakrise?

Nein, sicher nicht. Wichtig und naheliegend ist auch, die Dinge, die heute schon machbar sind – und das sind viele – in die Umsetzung zu bringen. Eine Erhöhung der energetischen Sanierungsrate ist ebenso ein gutes Beispiel dafür wie energie- und klimabewusstes Verhalten im Alltag. Innovationen können aber dafür sorgen, dass neue Dynamiken entstehen wie etwa durch den Übergang zu seriellem Sanieren. Auf der Basis eines digitalen Zwillings des Gebäudes erfolgt eine industrielle Vorfertigung der Sanierungskomponenten und ermöglicht so, dass die Sanierung schneller und kostengünstiger umgesetzt werden kann – eine damit höhere Akzeptanz der Gebäudebesitzer inklusive. Zudem müssen wir berücksichtigen, und das passiert viel zu selten, dass wir nicht nur über technische Innovationen sprechen, sondern auch über soziale Innovationen, die in der Lage sind soziale, häufig starre Praktiken zu überwinden. Dies kann durch neue Geschäftsfelder wie z.B. Sharing Economy ebenso erfolgen wie durch intelligente Beteiligungsformate.

Vereinfacht ausgedrückt: Wachstum ist Kapitalismus, Kapitalismus ist Wohlstand. Ist Wirtschaftswachstum nötig, um Klimaschutz zu finanzieren oder ist es an der Zeit, Überfluss kritisch zu hinterfragen?

Überfluss macht nicht glücklich, schafft aber viele Umweltprobleme – das ist mittlerweile eine weitgehend akzeptierte Erkenntnis und rechtfertigt sicher, Überfluss kritisch zu hinterfragen. Hilfreich dafür ist ein alternatives Wohlstandsverständnis, das sich nicht auf materielle Güter fokussiert, sondern auf ein breiteres Verständnis von Lebensqualität. Der OECD Better Life Index ist ein Beispiel für ein derart geändertes Verständnis. 

„Es liegt nicht am Geld, sondern in vielen Fällen an bürokratischen Hürden“

Regenerative Energien wie Wind- und Solarenergie müssen gespeichert werden, um eine ständige Verfügbarkeit zu gewährleisten. Speichertechnologien sind teuer und aufwendig. Sind wir technisch überhaupt schon so weit, den zukünftigen Mehrbedarf mit grüner Energie zu decken?

Sicher brauchen wir Speichersysteme für die Zeiten, in denen der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint. Die Erfordernis von Speichern wird aber immer noch häufig als „Totschlagargument“ gegen einen vollständigen Übergang auf erneuerbare Energien verwendet. Dabei braucht es in einem intelligenten System viel weniger Speicherkapazität als ursprünglich gedacht. Die Grundlage dafür bilden unter anderem Lastmanagement und eine bessere und großräumige Vernetzung der Erzeugungsanlagen. Längst liegen Konzepte auf dem Tisch, die zeigen, wie Versorgungssicherheit und 100% erneuerbare Energien zusammenpassen. Zudem gibt es viele Synergieeffekte etwa durch den Einstieg in eine Wasserstoffwirtschaft. Wasserstoff wird in Gaskraftwerken zur Abdeckung der Volatilität der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien gebraucht, bildet zugleich aber auch eine wesentliche Grundlage für den Übergang in eine klimaneutrale energieintensive Industrie (z.B. Stahlerzeugung). Und schließlich beobachten wir auch im Speichermarkt eine sehr substanzielle Bewegung der Kosten nach unten, durch technologische Verbesserungen und Massenmarkteffekte. 

Zu Ihren Arbeitsschwerpunkten zählen innovative Energietechniken und nachhaltige städtische Infrastrukturen. Welche sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Anforderungen für die Transformation zu einer grünen Stadt?

Zweifellos der ganzheitliche Ansatz: Wir suchen den Weg in eine resiliente, krisensichere Stadt ebenso wie in eine klimaneutrale, agile, inklusive und lebenswerte Stadt. Klimaschutz- und Klimaanpassungsmaßnahmen dürfen daher heute auch nicht eindimensional gedacht werden, sondern als Teil eines komplexen Transformationsprozesses. 

In Wuppertal fährt die berühmte Schwebebahn. Generell setzen deutsche Städte aber immer noch sehr wenig auf den ÖPNV und das Fahrrad, sondern nach wie vor auf das Auto. Warum tut sich das Konzept der grünen Stadt in der Umsetzung so schwer? Fehlt der Mut oder das Geld? 

Es liegt nicht am Geld, sondern in vielen Fällen an bürokratischen Hürden. Ein Beispiel: Über die Umwidmung einer Straße in einen Radweg kann in vielen Fällen nicht die Stadt selber entscheiden, sondern muss es der Bund tun, wenn es sich um eine Bundesstraße handelt – zusätzliche Genehmigungsschritte führen ebenso zu zeitlichen Verzögerungen wie unterschiedliche politische Haltungen. Noch entscheidender ist aber häufig der fehlende Mut, Veränderungen wirklich konsequent und nachhaltig anzugehen, und sich über anfängliche Widerstände und Beharrungskräfte durchzusetzen. Ein Blick in Städte in anderen Ländern wie zum Beispiel Kopenhagen, Paris, Madrid, Mailand oder New York zeigt, was möglich ist, wenn Ideenreichtum, Mut und Pragmatismus zusammen kommen.  

Um die Klimakrise zu bewältigen, bedarf es der Zusammenarbeit aller. Sind Sie optimistisch bei der Frage, ob die deutsche Bevölkerung die Notwendigkeit von Veränderung und Verzicht erkennen und anerkennen wird? 

Ich bin Berufsoptimist und zugleich Realist. Vor fünf Jahren wäre ich eher skeptisch gewesen. Heute leben wir aber in einer anderen Zeit: Die alternativen Lösungen sind besser, sicherer und vor allem preisgünstiger geworden; wir haben heute breite gesellschaftliche Strömungen wie Fridays for Future, die sich als Zugpferd an die Spitze der Bewegung setzen und längst breite Teile der Bevölkerung infiziert haben und nicht zuletzt haben wir heute eine ganz andere Grundhaltung in der Industrie. Viele Industrieunternehmen haben längst Investitionspläne in der Schublade für den Umstieg auf klimaverträgliche Prozesse oder Produkte und warten nur darauf, dass die Politik die richtigen Rahmenbedingungen schafft, um loslegen zu können. Und auch international hat sich mit den Ankündigungen der großen Emittenten vieles getan. Die USA, Japan, Südkorea, Kanada und die EU wollen bis 2050 klimaneutral werden, China bis 2060. Dies ist zwar noch nicht ausreichend zur Einhaltung des 1,5°-Ziels, aber ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, der zudem eine globale Innovations- und Investitionsdynamik auslöst und hierdurch selbstbeschleunigend wirken kann.

 

Zur Person: Manfred Fischedick ist Energie- und Klimaforscher und seit 2020 wissenschaftlicher Geschäftsführer des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie. Im Jahre 2008 wurde er zum außerplanmäßigen Professor des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaft – Schumpeter School of Business and Economics – an der Bergischen Universität Wuppertal ernannt. Fischedick berät Bundes- und Landesregierung und ist Leitautor des Weltklimarats.