13. Oktober 2021

Ernst Ulrich von Weizsäcker im Interview

„Es muss lukrativ sein, das Klima zu schützen“

Widersprechen sich Klimaschutz und wirtschaftliches Wachstum? Das haben wir Ernst Ulrich von Weizsäcker gefragt. In dem Gespräch mit dem Umweltwissenschaftler ging es außerdem um den Club of Rome, der sich als internationaler Zusammenschluss von Expert:innen für eine nachhaltige Zukunft einsetzt, sowie um technischen Fortschritt und die Verantwortung von Staat und Gesellschaft beim Klimaschutz. 

Herr von Weizsäcker, stehen wirtschaftliches Wachstum und Klimaschutz im Widerspruch zueinander?

Ernst Ulrich von Weizsäcker: Es ist heute empirisch so, dass die Treibhausgas-Emissionen in allen Ländern der Welt proportional mit dem Wirtschaftswachstum zunehmen. Insofern ja, die beiden Ziele sind erstmal konträr. Aber: Ich habe es mir gewissermaßen zur Lebensaufgabe gemacht, diese Verkopplung zu lösen.

Wie kann das gelingen?

Bei der Energiegewinnung funktioniert das vereinfacht gesagt über eine Verschiebung der Energiequelle, also zum Beispiel Sonne statt Kohle. Als ich Anfang des Jahrtausends im Bundestag mitgeholfen habe, das Erneuerbare-Energien-Gesetz zu beschließen, hatte ich daran noch gar nicht so gedacht. Es war eine riesige Überraschung, wie billig Sonnenenergie werden kann. 

Das heißt, wirtschaftliches Wachstum und Klimaschutz können nebeneinander existieren, sofern die technologische Entwicklung in die richtige Richtung geht?

Ja, aber nur unter der Bedingung, dass die Rahmenbedingungen verändert werden. Klimafreundliche Technologien müssen gegenüber klimaschädlichen einen ökonomischen Vorteil erhalten. In der Vergangenheit wurden tolle Startups gegründet und neue Technologien entwickelt, aber der Ausstoß von Treibhausgasen ist in keiner Weise geschmälert worden. Wenn man hier ernsthaft Veränderungen möchte, muss die Energieeffizienz gesteigert werden und das geht nur, indem man Energie teurer macht – nicht billiger.

Energieeffizienz ist auch das Thema Ihres Buches „Faktor Vier“, das Sie gemeinsam mit den US-Amerikaner:innen Amory Lovins und Hunter Lovins 1995 als Bericht für den Club of Rome geschrieben haben.

Ich habe dort eine Parallele zur Erfolgsphilosophie der industriellen Revolution gezogen: Steigt die Arbeitsproduktivität, steigen die Löhne. Steigen aber die Löhne, wird es betriebswirtschaftlich zwingend, die Arbeitsproduktivität zu erhöhen. Es ist wie ein Ping-Pong-Spiel, das sich über 150 Jahre fortgesetzt hat und eine Verzwanzigfachung der Arbeitsproduktivität nach sich zog. Ähnlich kann es auch im Energiesektor laufen: Eine Verteuerung sollte im Gleichschritt mit den Effizienzgewinnen erfolgen.

„Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts ist revolutionär“

Gibt es mit Blick auf das Klima Grenzen beim Wachstum?

So hat es der Club of Rome 1972 in seinem Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ ausgeführt – allerdings mit der stillschweigenden, pessimistischen Annahme, dass eine Entkopplung von Wachstum und Klimaschutz gar nicht stattfinden kann. Ich bin da optimistischer und glaube an den technischen Fortschritt. Und damit meine ich nicht, dass Öl aus dem Boden pumpen immer billiger wird. Das war das Rezept der letzten 50 Jahre und eine Katastrophe für das Klima. Aber wenn der technische Fortschritt darin besteht, dass man zum Beispiel sogenannte Passivhäuser baut, die praktisch keine Heizkosten mehr verursachen, dann ist der technische Fortschritt der Freund des Klimas.

Reicht für diese Art des technischen Fortschritts noch die Zeit?

Die Zeit reicht, wenn man das konsequent umsetzt – nach Möglichkeit international, denn Deutschland alleine ist viel zu klein. Aber wir müssen anfangen.

Kommen wir nochmal kurz auf den Club of Rome zu sprechen. Sie sind dort seit Anfang der 90er-Jahre Mitglied. Wie kam es dazu?

Die Themen, mit denen sich der Club beschäftigt, haben mich immer interessiert. Um Mitglied zu werden, musste man damals aber Leiter eines großen Instituts sein. Das wurde ich dank Johannes Rau, der damals Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen war und mich als Gründungspräsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie berief. Rau hatte verstanden, dass etwas auf die Kohlereviere zukommt, das sehr ärgerlich sein würde. Man brauchte also ein Institut, das jenseits von Lobbyinteressen die Sachfragen klärt und überlegt, wie man aus dieser Problematik herauskommt. Das war sehr fortschrittlich von ihm, denn stellen wir uns mal vor, der Freistaat Bayern hätte damals ein großes Institut für die Problematik von Kernenergie gegründet – dass sich der Freistaat da so eine Laus in den Pelz setzt, hätte politisch kaum funktioniert. (lacht)

Brauchen wir stärkere Regeln von oben – also auf der staatlichen Ebene – für die Wirtschaft und Gesellschaft?

Ich bin an dieser Stelle Demokrat. Natürlich muss die Rahmensetzung vom Staat kommen, allerdings muss er auch auf die Bevölkerungsmehrheit achten und mit der Wirtschaft verhandeln. Es geht darum, denjenigen Weg zu finden, der das lukrativ macht, was dem Klima nützt.

Sie sprechen die Bevölkerungsmehrheit an. Inwiefern hat die Gesellschaft selbst auch eine Verantwortung?

Die Gesellschaft hat in einer Demokratie letzten Endes die Macht, da sie zufrieden gestellt werden möchte. Es ist aber die Aufgabe des Staates, die Rahmenkorrektur so umzusetzen, dass nicht die ärmeren Familien auf der Strecke bleiben, sondern dass die Transformation gerecht abläuft. In Schweden oder Kanada zum Beispiel wird die CO2-Steuer im Wesentlichen nicht durch billige Energie für die ärmeren Familien kompensiert, sondern durch Geldtransfers. Das halte ich für eine gute Lösung.

Klimagerechtigkeit ist in diesem Zusammenhang ein viel diskutierter Begriff.

Ja, man braucht Überzeugungsarbeit. Da sind die Initiatorinnen von „Fridays For Future“ beispielsweise sehr zu loben. Ich habe mir sagen lassen, dass Ursula von der Leyen stark beeindruckt von „Fridays For Future“ war und deswegen den Mut hatte, als frisch gewählte EU-Kommissionspräsidentin den European Green New Deal auszurufen. Das zeigt: Initiativen aus der Gesellschaft heraus können einen massiven Strukturwandel bewirken.

 

Zur Person: Ernst Ulrich von Weizsäcker ist Umweltwissenschaftler und war von 2012 bis 2018 Co-Präsident des Club of Rome. Außerdem war er sieben Jahre lang Mitglied des Deutschen Bundestags (1998-2005) und hat mehrere Bücher veröffentlicht (u.a. Club of Rome: Der große Bericht – „Wir sind dran. Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen“; Taschenbuch 2019 bei Pantheon; Co-Autor Anders Wijkman).