13. August 2021

Interview mit Prof. Christoph M. Schmidt

„Verzicht auf Wirtschaftswachstum ist keine Lösung“

Wie viel Wachstum verträgt unser Klima? Darüber diskutiert am 17. August unser Geschäftsführer Stephan Muschick in einem Panel der Ruhrtriennale (jetzt anmelden!) mit Prof. Dr. Niko Paech, Ulrike Herrmann, Christiane Grefe und Prof. Dr. Christoph M. Schmidt. Letzteren haben wir vorab zum Interview gesprochen.

Herr Schmidt, unser Wirtschaftssystem basiert auf Wachstum, unsere Ressourcen sind endlich. Bringt man beide Aussagen zusammen, stellt sich die Frage: Ist das System zukunftsfähig?

Christoph M. Schmidt: Das Erdsystem unterliegt in der Tat Belastungsgrenzen, die zum Teil bereits ausgereizt sind. Wir müssen daher den Ressourcenverbrauch innerhalb unseres marktwirtschaftlichen Systems deutlich unattraktiver machen, um Ressourcenkreisläufe zu schließen. Nur so wird es zukunftsfähig sein. Letztlich stehen allerdings sowohl die Einstrahlung von Sonnenenergie als auch die menschliche Kreativität unbegrenzt zur Verfügung, um Fortschritt und damit auch eine wachsende Wirtschaftsleistung zu ermöglichen. Dieses Wachstum brauchen gerade die weniger entwickelten Volkswirtschaften, damit dort – wie in den vergangenen Jahrzehnten – viele Menschen ihren Weg aus bitterer materieller Armut hinaus schaffen. Wachstum ist also das erwünschte Ergebnis, dessen Verwirklichung unser Wirtschaftssystem ermöglicht, nicht der ursächliche Impuls, der es antreibt.

Ist ressourcenschonendes Wirtschaftswachstum möglich oder ein unvereinbarer Gegensatz?

Das starke Wachstum der globalen Wirtschaftsleistung ging in den vergangenen Jahrzehnten mit einem ebenso stark ansteigenden Umweltverbrauch einher. Dieser hat Ökosysteme an ihre Belastungsgrenzen geführt und eine bereits jetzt deutlich spürbare Erderwärmung erzeugt, die sich in den kommenden Jahrzehnten noch erheblich zu verschärfen droht. Wie sehr die Geschicke gerade der ärmeren Volkswirtschaften von wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit abhängen, hat uns die globale Covid-19-Krise deutlich vor Augen geführt: Jahrzehnte des Fortschritts bei der Bekämpfung von Armut und Hunger wurden fürs erste wieder zunichte gemacht. Verzicht auf Wirtschaftswachstum ist also keine Lösung. Aber es muss ressourcenschonend gestaltet sein, im Idealfall sogar absolut entkoppelt werden. Das ist eine große Herausforderung, aber grundsätzlich möglich.

„Ich sehe kein alternatives Wirtschaftsmodell“

Bereits 2011 sagte der brititsche Ökonomen Tim Jackson: „In dem Maße, in dem wir es uns heute gut gehen lassen, graben wir systematisch dem guten Leben von morgen das Wasser ab.“ Eine Haltung, die durch das Urteil des Bundesverfassungsgerichts im April rechtlich relevant wurde. Jacksons Aussage basiert auf der Annahme, dass unser Wirtschaftsmodell von Grund auf fehlerhaft ist. Stimmen Sie der Aussage in ihrer Radikalität zu?

Hier werden aus meiner Sicht unterschiedliche Aspekte unzulässig vermischt: Ja, wenn wir es zuließen, dass Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch weiterhin eng miteinander gekoppelt sind, weil die Kosten für den Ressourcenverbrauch nicht angemessen sind, dann bringen wir damit die nachfolgenden Generationen um Lebensqualität. Und ja, aufgrund der langfristigen Wirkungen des heutigen Tuns reicht es nicht aus, erst einmal abzuwarten, bis die Schäden entstanden sind und erst dann gegenzusteuern. In der Tat hat das jüngste Urteil des Bundesverfassungsgerichts auf diesen Punkt hingewiesen. Aber nein, das Wirtschaftsmodell ganz über Bord zu werfen, hielte ich für falsch – stattdessen sollte es um die Bepreisung von Umweltexternalitäten wie beispielsweise CO2-Emissionen ergänzt werden. Zudem sehe ich kein alternatives Wirtschaftsmodell, das Wohlstand schafft und den Umweltverbrauch begrenzt.

Die finanziellen Belastungen des Klimawandels werden in der Zukunft voraussichtlich immens. Braucht es gerade deshalb wirtschaftliches Wachstum, um diese Kosten überhaupt bezahlen zu können?

Es kann schlichtweg kein „Weiter so“ in dem Sinne geben, dass Umwelt- und Ressourcenverbrauch beim wirtschaftlichen Handeln – Produktion, Transport, Konsum – unzureichend berücksichtigt bleiben. Werden sie anders als bisher durch eine angemessene Bepreisung berücksichtigt, dann mag zwar die gesamtwirtschaftliche Leistung geringer ausfallen. Der gesamtgesellschaftliche Wohlstand, der die Veränderungen der Umweltqualität als ein Element mit einbezieht, wird aber dennoch steigen. Ganz praktisch gesprochen werden wir jedoch nur durch erhebliche Investitionen unsere Energiesysteme weg von fossilen Energieträgern und hin zu erneuerbaren Ressourcen ausrichten können. Da diese Investitionen überwiegend von Unternehmen getätigt werden müssen, tun wir gut daran, diesen während des Prozesses weiterhin die Möglichkeit zu geben, profitabel zu arbeiten.

Zur Person: Prof. Dr. Dr. h. c. Christoph M. Schmidt ist Präsident des RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung und Professor an der Ruhr-Universität Bochum. Von 2009 bis 2020 war er Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, von März 2013 bis Februar 2020 dessen Vorsitzender. Seit Oktober 2019 ist er Mitglied, seit März 2020 Ko-Vorsitzender des Deutsch-Französischen Rates der Wirtschaftsexperten.