6. April 2021

Britta Peters im Interview

„Um den bevorstehenden Katastrophen gewachsen zu sein, brauchen wir eine starke Gesellschaft“

Eine Ausstellung, vier Städte, 21 Kunstprojekte: Im Mai startet das Ruhr Ding in die nächste Runde. Diesmal geht es mit dem Thema Klima nach Gelsenkirchen, Herne, Recklinghausen und Haltern am See. Wir haben mit Projektleiterin Britta Peters über die Ausstellung in Corona-Zeiten und die Bedeutung von öffentlichem Raum, Gesellschaft und Klimawandel gesprochen.

 

Frau Peters, Die Ausstellung „Ruhr Ding: Klima“ hätte eigentlich schon 2020 eröffnet werden sollen, dann kam Corona. Nun folgt im Mai ein neuer Versuch. Wie haben Sie das eine Jahr zusätzlicher Vorbereitungszeit genutzt?

Britta Peters: Den größten Teil der Projekte haben wir gemeinsam mit den Künstler*innen um ein Jahr verschoben. Dabei haben sich logischerweise auch einige Änderungen und Anpassungen ergeben, die dem Gesamtprojekt aber durchaus gut getan haben. Nur die gemeinsam mit dem Skulpturenmuseum Glaskasten Marl veranstaltete Ausstellung Die Spielstraße München 1972 konnten wir in der kurzen Phase zwischen dem ersten und zweiten Lockdown im August 2020 erfolgreich eröffnen. Dadurch fiel Marl als Projektstandort für 2021 raus und wir konnten die Stadt Gelsenkirchen hinzunehmen und dafür auch einige neue künstlerische Positionen einladen. Manche von ihnen, wie Natalie Bookchins Arbeit Geisterspiele, die jetzt allerdings doch in einem Herner Hochhaus gezeigt wird, adressieren auch direkt die Erfahrungen mit der Pandemie.

Für diejenigen, die Ihr Konzept noch nicht kennen: Was macht das Ruhr Ding so besonders?

Das Ruhr Ding ist ein städteübergreifendes Ausstellungsprojekt, das durch die Region wandert. Mit dem Ruhr Ding: Territorien waren wir 2019 in Dortmund, Bochum, Essen und Oberhausen zu Gast, das Ruhr Ding: Klima findet in Gelsenkirchen, Herne und Recklinghausen statt. Und es gibt einen Ausstellungsteil in Haltern am See, am und im Silbersee II. Und zwar wortwörtlich: Die Arbeiten dort werden vom Publikum zum Teil erschwommen.

Sie sprechen es an: In der ersten Edition 2019 ging es um das Verhältnis von Identität und Territorien, jetzt steht der Klimabegriff im Mittelpunkt. Warum haben Sie sich für dieses Thema entschieden?

Ich wähle die Themen ausgehend von den großen Fragestellungen der Region, die gleichzeitig über das Lokale hinausgehen. Die Territorien-Edition bezog sich direkt auf territoriale Abgrenzungen zwischen den 53 Ruhrgebietsstädten und gleichzeitig ganz allgemein auf einen weltweit wachsenden Nationalismus und – im Brexit-Jahr 2019 – den drohenden Zerfall Europas. Die Klima-Ausgabe befasst sich im, nach wie vor, ökologisch am stärksten belasteten Norden der Region mit der Dynamik zwischen sozialem Klima und globaler Erwärmung.

Was ist das Ziel der Ausstellung?

Wir möchten künstlerischen Stimmen und Ausdrucksformen Raum beim Klimathema geben. Insgesamt geht es weniger um reine Wissensproduktion, dieser Bereich wird ja seit einigen Jahren in den Medien weitgehend abgedeckt, als vielmehr um die sinnliche Erfahrbarkeit der Problematik. Dazu gehören Aspekte von Trauerarbeit, zum Beispiel in der Installation Der lange Abschied von Hecke/Rauter/Töricht, die sich der Praxis der Tierpräparation widmet und die Frage nach dem Artensterben dadurch in anderer Form stellt, oder der Umgang mit Rohstoffen, wie in der Serie von kurzen Science-Fiction-Filmen Word Count der Künstlerin Kasia Fudakowski, in der Sprache zu einer endlichen Ressource geworden ist. Den Ausstellungsteil am See, an dem alle dem Wetter gnadenlos ausgeliefert sind, kann man fast nicht besuchen, ohne dabei auch an die steigenden Meeresspiegel, Flüchtlingsdramen und Extremwetter zu denken.

21 Projekte sind Teil der Ausstellung, entwickelt von vor allem recht jungen Künstlerinnen und Künstlern. Ist das Thema Klima eines, das diese Generation einfach mehr bewegt?

Ja, ich glaube schon. Andere Arbeiten, wie zum Beispiel das in Kooperation mit den Ruhrfestspielen gezeigte Performance-Projekt von La Fleur fragen, in diesem Fall ausgehend von Barthes Text Fragmente einer Sprache der Liebe, stärker nach dem gegenwärtigen sozialen Klima. Beides, ökologisches und soziales Klima, lässt sich meiner Meinung nach nicht getrennt verhandeln: Um den bevorstehenden Katastrophen gewachsen zu sein und heute schon mit globalem Weitblick handeln zu können, brauchen wir eine starke und solidarische Gesellschaft.

Videoinstallationen, Audiowalks und Performances, künstliche botanische Landschaften und schwimmenden Pavillons – den Besuchern wird auf ihrer Reise durch Gelsenkirchen, Herne, Recklinghausen und Haltern am See einiges geboten. Gibt es ein Projekt, auf das Sie besonders gespannt sind?

Ich bin schon jetzt in alle Projekte verliebt, aber sehr gespannt bin ich auf die Reaktionen der Besucher*innen.

Sehr beliebt sind die „Irrlichter-Touren“, bei denen geschulte Kunstvermittler gemeinsam mit den Besuchern das Ruhr Ding erkunden. Können diese wie geplant stattfinden? Wenn ja, was macht diese Touren für Sie so besonders?

Wir hoffen sehr, dass die Touren unter Berücksichtigung der jeweiligen Corona-Schutzmaßnahmen stattfinden können. Sie verbinden ein Bewusstsein für die jeweilige Umgebung mit einer gemeinsamen Begehung der Projekte, die ja alle speziell für einen bestimmten Kontext entstanden sind. Und das Ganze mit dem Fahrrad, nur am See bieten wir Spaziergänge an. Alle Touren sind unterschiedlich, aber inhaltlich und Routen-technisch toll ausgearbeitet. Ich kann wirklich jede Tour empfehlen, man erfährt unheimlich viel über Geschichte, Architektur und Gegenwart des Ruhrgebiets – und natürlich über die verschiedenen Herangehensweisen in der zeitgenössischen Kunst.

Eine entscheidende Rolle in Ihrem Konzept spielt der öffentliche Raum. Also ein Ort, der durch die Pandemie eher von den Menschen vermieden wird. Hat das Ihre Arbeit verändert?

Ja, leider. Zur Nachverfolgung der Kontakte müssen wir die Besucher*innen bitten, ein kostenloses Tagesticket zu buchen. Ich bin sehr froh, dass wir überhaupt davon ausgehend können, die Ausstellung unter diesen Bedingungen zu eröffnen, aber das schränkt die Spontanität natürlich etwas ein. Die Pandemie hat uns schmerzhaft vor Augen geführt, was der Verlust des öffentlichen Lebens bedeutet. Um so wichtiger erscheint mir ein Projekt wie unseres, das im Frühsommer andere Erfahrungen und gemeinsame Gespräche anbietet.

Auch im Ruhrgebiet verlieren die Innenstädte an Attraktivität. Welchen Beitrag muss die Kunst im (kulturellen) Diskurs leisten, um dem entgegenzuwirken?

Kunst in den Innenstädten zeigt alternative Nutzungsformen auf. Meines Erachtens ist eine Stadtplanung, die vor allem den Interessen der Investoren und der Wirtschaft unterworfen ist, vollkommen verfehlt. Insofern macht die gegenwärtige Krise nur etwas besonders deutlich, das schon lange im Argen lag. Jetzt haben wir die Chance, die Innenstädte neu zu erfinden.