20. Dezember 2021

Hannah Lübbert und Ursula Weidenfeld über Generationenkonflikte in Krisen

Ihr habt keinen Plan!

Forderungen nach Solidarität und Gerechtigkeit bestimmen den Diskurs, wenn es um das Klima, die Pandemie oder die Rente geht. In Diskussionen über Krisenphänomene werden häufig die Bedürf­nisse und Ansprüche verschiedener Generationen einander gegenübergestellt oder sogar in destruk­tiver Weise gegeneinander ausgespielt: die Alten gegen die Jungen und umgekehrt. Doch ist der viel­fach heraufbeschworene Generationenkonflikt nicht gerade notwendig für die Weiterentwicklung unserer Gesellschaft? Das E.ON Journal hat die Wirt­schaftsjournalistin Ursula Weidenfeld (59) und die Klimaaktivistin Hannah Lübbert (20) unabhängig voneinander mit drei Thesen konfrontiert. 

Zwei Frauen reflektieren über die Rolle der Generationen in unruhigen Zeiten – ein redaktionelles Experiment. 

1. Die Alten zerstören/bewahren die Erde für die Jungen. (Klima)

Ursula Weidenfeld:
Jede Generation löst die Probleme, die ihr am wichtigsten sind. Die Jüngeren stehen dabei auf den Schultern der Älteren, ob sie wollen oder nicht. Sie sind Erben, nicht nur in familiärer und materieller Hinsicht, sondern auch, was die Errungenschaften und Versäumnisse der Älteren betrifft. Eltern und Großeltern bemühen sich, die Erde, das Land, die Stadt oder auch nur die Familie in einem besseren Zustand zu übergeben, als sie selbst sie vorgefunden haben. Das ist Fortschritt.

Ohne Freiheit, Demokratie, Gleichberechtigung, Bildungszugang für alle, ein unbehelligtes Leben nach der eigenen sexuellen Präferenz würde heute in Deutschland keine Generation leben wollen. Ohne Meinungsfreiheit, Demonstrationsrecht, Internet und soziale Medien wäre der Protest der Jungen nicht möglich. Großeltern und Eltern haben die Voraussetzungen dafür geschaffen. Vieles davon haben sie gegen die Älteren ihrer Zeit erkämpfen müssen. Klar, es passieren Fehler, Falscheinschätzungen, Nachlässigkeiten. In Bezug auf den Klimawandel ist zu viel liegen geblieben, so viel ist heute klar. Die Jüngeren haben darauf aufmerksam gemacht, sie zwingen die Älteren zum Nachdenken und Handeln – so wie die Älteren in ihrer Jugend Gleichstellung, Abrüstung und gesellschaftliche Liberalität durchgesetzt, die heute Hochbetagten die Welt nach dem Zweiten Weltkrieg wieder in Ordnung gebracht haben. 

Hannah Lübbert:
Weniges ist heute beliebter zur Analyse gesellschaftlicher Problematiken als das Schlagwort Generationenkonflikt. Sei es bei der Klimakrise, beim Umweltschutz oder beim Thema Rente – überall wird ein Gegeneinander der Generationen postuliert.

Zwar kommt den heutigen Erwachsenen historisch gesehen eine besondere Rolle zu: Sie waren es, die in den letzten dreißig Jahren gelebt und Gesellschaft gestaltet haben. Also in genau der Zeit, in der die globalen Treibhausgasemissionen nicht nur nicht sanken, sondern weiter stiegen – und das, obwohl längst bekannt war, dass die globale Überhitzung die Menschheit auslöschen kann. Natürlich kann man als junger Mensch darauf nur mit Unverständnis und Wut zurückblicken! Wo waren unsere Eltern, unsere Großeltern und alle anderen, als es hieß, sich dem System des fossilen Kapitalismus entgegenzustellen und unsere Lebensgrundlagen zu bewahren? Denn vor einigen Jahren hätte noch einiges gerettet werden können, das jetzt unwiderruflich verloren ist – so wie zum Beispiel das Erreichen des 1,5-Grad-Ziels. Wegen ihrer Untätigkeit befinden wir uns jetzt unter beispiellosem Zeitdruck, denn es bleiben nur noch wenige Jahre, um das Ruder rumzureißen und den totalen Klimakollaps zu verhindern! Doch genau deshalb bringen Vorwürfe und Spaltung niemanden weiter. Erstens können die Jungen die umfassende Transformation, die es braucht, um das Leben auf diesem Planeten zu bewahren, nicht alleine schaffen. Dafür braucht es alle – und deshalb einen neuen Pragmatismus, der nicht in die Vergangenheit blickt oder Schuldfragen stellt, sondern jede und jeden einlädt, sich dem Kampf für Klimagerechtigkeit anzuschließen, bevor es endgültig zu spät ist.

Außerdem ist die Idee grundfalsch, dass alte Menschen absichtlich Krisen produzieren, unter denen dann nur die Jungen leiden würden. Ältere Menschen sind stärker gefährdet, an den Folgen der Klimakrise wie zum Beispiel Hitzewellen zu sterben. 

2. Die Alten verprassen die Zukunft der Jungen. (Rente)

Ursula Weidenfeld:
Für das Gemeinwohl ist die Erderwärmung die größte, aber nicht die einzige Herausforderung. Dass der bisherige Generationenvertrag zur Alterssicherung schon in wenigen Jahren an seine Grenzen gerät, ist offensichtlich. Die Älteren werden länger arbeiten oder mit weniger Rente auskommen müssen, damit die Rentenversicherung stabilisiert werden kann. Den Jüngeren werden höhere Beiträge abverlangt. Möglicherweise wird ein Einwanderungsgesetz helfen. Hier eine Balance zu finden und einen neuen Vertrag zwischen den Generationen zu verhandeln wird sehr schwer, denn alle müssen sich auf Wohlstandsverluste einstellen. Auch wenn die neue Regierung etwas anderes versprechen sollte, glauben Sie das nicht! Nur wenn eine große Rentenreform gelingt, gibt es auch eine Blaupause, wie man beispielsweise die finanziellen Lasten des Umbaus zu einer klimaneutralen Wirtschaft fair und generationengerecht schultern kann.  

Hannah Lübbert:
Rentenarmut droht nicht nur den heute Jungen irgendwann, sondern ist für viel zu viele Menschen heute schon Realität – und das, obwohl ein gerechtes Rentensystem lediglich eine Frage des politischen Willens wäre.

3. Die Jungen gefährden/schützen das Leben der Alten. (Pandemie)

Ursula Weidenfeld:
„Wir werden einander viel verzeihen müssen.“ Wenn der bisherige Gesundheitsminister Jens Spahn jemals zum Propheten getaugt hat, dann ganz sicher hier. In der Corona-Pandemie hat sich gezeigt, zu wie viel Solidarität alle Generationen fähig sind, wenn es darauf ankommt. Die (meisten) Jungen sind zu Hause geblieben, um die Generation der Großeltern zu schützen. Die (meisten) Eltern und Großeltern haben sich möglichst bald impfen lassen, zu ihrem eigenen Schutz und zum Schutz der Allgemeinheit. Die vierte Welle der Pandemie im Winter 2021 zeigt aber, dass das Verantwortungsbewusstsein doch nicht stark genug ausgeprägt war, um den Spuk zu beenden. Zu wenige haben sich impfen lassen, zu viele haben gefeiert. Das betrifft alle Generationen. 

Hannah Lübbert:
Die Pandemie zeigt, dass wir alle – altersunabhängig – darunter leiden, wenn Politik Probleme nur aussitzt, statt sie wirklich zu lösen. Das Problem sind die Verhältnisse selber, nicht die Menschen, die in ihnen leben!

Vielleicht wird deswegen so viel über Generationenkonflikte geredet, weil es von der eigentlichen Konfliktlinie ablenkt: dass wir alle gemeinsam gegen ein System kämpfen sollten, das strukturell einige wenige bereichert, während die große Mehrheit der Bevölkerung abgehängt wird, Demokratien zum Zerbröseln und Ökosysteme zum Kollabieren gebracht werden. Um dieses zu überwinden, müssen wir alle gemeinsam kämpfen, statt aufgrund von Jahrgängen Keile zwischen uns treiben zu lassen. Und genau dafür kann die intergenerationelle Solidarität, die zu Beginn der Corona-Pandemie von der jungen Generation vorgelebt wurde, ein Beispiel sein. 

Hannah Lübbert studiert Umweltwissenschaften und Psychologie in Lüneburg, ist Klimaaktivis- tin und Mitglied des Jugendrates der Generationen Stiftung. Zuletzt trat sie als Sprecherin einer Aktivistengruppe auf, die in einen Hungerstreik gegen den Klimawandel getreten war. 

Dr. Ursula Weidenfeld ist Wirtschaftsjournalistin und war unter anderem für die Wirtschaftswoche, das Handelsblatt und den Berliner Tagesspiegel tätig. 1999 gehörte sie zum Gründungsteam der Financial Times Deutschland. Neben ihrer publizistischen Tätigkeit arbeitet Weidenfeld als Kommentatorin und Moderatorin für Fernseh- und Hörfunksender.

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