27. Mai 2021

Gastbeitrag von Harald Welzer

Wissen wird überbewertet

Warum sich unsere Gesellschaft so schwer tut, wissenschaftliche Erkenntnisse in den Alltag zu transferieren. 

Dass Menschen auf der Grundlage von Wissen handeln, ist ein moderner Aberglaube, der paradoxerweise aus dem Glauben an technisch-rationale Vernunft resultiert. Diese Vernunft ist mit dem Zeitalter der Aufklärung in die Welt gekommen und hat seither unglaubliche Fortschritte hervorgebracht – in der Medizin, in der Chemie, der Physik, der Meteorologie usw. usf. So begann auch der Siegeszug der modernen Wissenschaften, weil vieles von dem, was in den neuen Disziplinen erforscht und entwickelt wurde, zu Resultaten führte, die die Welt veränderten und auch heute noch verändern. 

Ein Beispiel: Was bei Biontech erforscht und entwickelt wurde, basiert auf fundiertem, wissenschaftlichem Wissen und hatte das klar definierte Ziel, einen Impfstoff bereitzustellen, um die aktuelle Pandemie einzudämmen. Der Erfolg dieser Forschungsleistung ist natürlich großartig , aber eben nur der klassische Fall angewandter Wissenschaft – hier ist der Verwendungszusammenhang von Wissen eindeutig und klar. Das sollte nicht zu dem falschen Schluss verleiten, dass die Verhältnisse im Alltag ebenso eindeutig sind. 

Wenn wir Kinder zur Schule fahren, den Urlaub planen oder im Fußballstadion unsere favorisierte Mannschaft anfeuern – basiert dieses Handeln dann auf Wissen? Nein. Es basiert auf vorhandenen Verkehrsinfrastrukturen, Verpflichtungen, sozialer Erwünschtheit und Gemeinschaftsbedürfnissen – und bei all dem müssen wir nichts „wissen“, um es zu tun. Wenn Menschen im Alltag handeln, tun sie das im Rahmen höchst komplexer Verflechtungen von Gegebenheiten, Notwendigkeiten, Traditionen, Gewohnheiten und Bedürfnissen – und nur im Grenzfall findet dabei ein Rückgriff auf Wissen statt.

Wissenschaft greift auf explizites Wissen zu

Im Normalfall handelt man nicht, weil man sich bewusst für dieses oder jenes entscheidet, sondern weil man macht, was man eben so macht und immer schon gemacht hat. Um wissenschaftliche und alltägliche Praxis auf dieser Ebene zu unterscheiden, könnten wir sagen, dass Wissenschaft auf explizites Wissen zugreift, während im Alltag implizites Wissen gebraucht wird, und zwar je nach Situation und Beziehungskonstellation ganz unterschiedlich. Das sind also zwei verschiedene Dinge.

Diese Unterscheidung ist extrem wichtig, gerade weil sie so oft übersehen wird. Denn vor allem Menschen aus der Wissenschaft glauben, dass Wissen und Handeln ganz eng zusammenhängen – weil das in ihrem Beruf so ist. Deshalb versuchen etwa die Klimawissenschaften mit wachsender Verzweiflung, den Menschen die wachsenden Probleme mit dem CO2-Budget klarzumachen. Dafür legen sie jede Menge Diagramme vor und schicken Forschungsschiffe ins nicht mehr ewige Eis, die dann mit einer Unmenge von Daten zurückkommen und dramatische Meldungen verkünden. 

Anschließend wundern sie sich, dass die Menschen das alles zwar ganz interessant finden, aber an ihrem Konsum-, Mobilitäts-, Ernährungs- und Wohnverhalten nichts ändern. Was wiederum einfach daran liegt, dass der Gebrauchszusammenhang fürs Einkaufen, Autofahren, Essen und Wohnen ein ganz anderer ist als der für wissenschaftliche Fakten. Menschen wissen also eine Menge, machen aber mit diesem Wissen andere Dinge, als die Wissenschaftler hoffen. Oft sogar das Gegenteil: Denn jedes Datum, jedes Diagramm, jede flammende Rede von Mojib Latif oder Hans Joachim Schellnhuber können zwar als Bedrohung der gewohnten Lebensweise interpretiert werden, doch Angst und Verlustaversion führen nicht zur Veränderung von Lebensstilen und Kulturmodellen, sondern zum desto intensiveren Festhalten daran. Wenn die Recht haben, sagt man sich, gilt es, noch schnell das Maximale herauszuholen!

Es braucht mehr als Warnen und Mahnen

Wie sonst wäre es zu erklären, dass Autos seit Bekanntwerden der Klimaproblematik nicht etwa kleiner und sparsamer, sondern immer größer und ressourcenbedürftiger geworden sind? Die PS-Zahl neuzugelassener Fahrzeuge hat nicht ab-, sondern kontinuierlich zugenommen, ebenso das Durchschnittsgewicht. Dasselbe gilt mutatis mutandis für die Tourismusformen, die in ihren Spielarten vom E-Mountain-Biking bis zur Arktis-Kreuzfahrt expansiv und eskapistisch wie niemals zuvor sind. Psychologisch gesprochen: Die datengestützte Aufforderung zur Änderung des hyperkonsumistischen Lebensstils erzeugt Reaktanz; die Leute machen das exakte Gegenteil des Erwünschten.

Wenn man also aus guten Gründen Verhaltensveränderungen hervorrufen möchte, dann darf man nicht im Modus des Warnens und Mahnens bleiben, sondern muss Anknüpfungspunkte für gemeinsame Interessen und Ziele finden. Das CO2 ist eine chemische Verbindung und als solche den Leuten vital egal, eine sichere Lebensperspektive für die eigenen Kinder oder eine sichere Geldanlage aber nicht. Verbindet man Ziele, die lebensweltlich bedeutsam sind, mit Nachhaltigkeits- oder Klimazielen, wird man mehr erreichen, als wenn man Diagramme und Zeigefinger hochhält. Aus der Forschung, die sich mit der Verbreitung von nachhaltigen Praktiken beschäftigt, wissen wir, dass Menschen sich gern nachhaltig verhalten, sofern für sie dabei ein primärer Nutzen abfällt: In der Schweiz nutzt man häufig öffentliche Verkehrsmittel, weil sie einen komfortabel, serviceorientiert und zuverlässig noch ins letzte Bergdorf bringen – Klimafreundlichkeit ist dabei ein Kollateralnutzen, den man gern mitnimmt, aber er steht auf der Verhaltensebene nicht im Vordergrund.

Das heißt: Man muss sich schon die Mühe machen, bessere Praktiken und Visionen anzubieten, wo hingegen Mahnungen oft in die gegenteilige Richtung wirken. Anders gesagt: Eine autofreie Stadt wäre auch dann gut, wenn es keinen Klimawandel gäbe. Die Wissenschaft muss sich daher die alte Werberweisheit zu eigen machen, dass der Wurm dem Fisch schmecken muss und nicht dem Angler.

 

Zum Autor: Harald Welzer ist Sozialpsychologe und Honorarprofessor für Transformationsdesign an der Europa-Universität Flensburg. Außerdem ist er als Publizist tätig und regelmäßiger Gastautor für die E.ON Stiftung.