14. Oktober 2021

Gastbeitrag von Harald Welzer

Wachstum war ja schön, geht aber nicht mehr

Ewiges Wachstum beschwören Wirtschaft und Politik seit Jahrzehnten. Ist das die Lösung für unser aller Leben? Auf keinen Fall, betont Harald Welzer und fordert in seinem Gastbeitrag ein Umdenken.

Wachstum – dieser Begriff ist so etwas wie das zivilreligiöse Zauberwort unserer Gegenwart. Kein Parteiprogramm, nicht einmal das der Grünen, kommt ohne die Beschwörung aus, für Wachstum sorgen zu wollen, keine Koalitionsvereinbarung, keine Regierungserklärung, kein Kommunique nach G7- und G20-Gipfeln, kein Geschäftsbericht.

2003 hat es Angela Merkel auf dem CDU-Parteitag in Leipzig geradezu liturgisch zelebriert: Wir brauchen, predigte sie, „vor allem drei Dinge: Erstens: Wachstum, zweitens: Wachstum und drittens: Wachstum. Wachstum ist nicht alles, das ist wahr. Aber ohne Wachstum ist alles nichts. Ohne Wachstum keine Arbeitsplätze; ohne Wachstum keine Sanierung der sozialen Sicherungssysteme; ohne Wachstum sinkender Wohlstand; ohne Wachstum werden mehr und mehr Menschen auf der Strecke bleiben.“

Solche Predigt verkörpert eine Theorie, die sich den Kapitalismus als Fahrrad vorstellt: Hört man auf zu treten, fällt er um. Dabei kennen die ökonomischen Klassiker den Begriff des Wachstums gar nicht, denn prominent wurde der Wachstumsfetisch erst in jüngerer Zeit: zunächst mit Roosevelts New Deal eines vom Staat induzierten Wirtschaftswachstums zur Bewältigung der Weltwirtschaftskrise, dann in der Systemkonkurrenz zwischen dem kommunistischen Sowjetsystem und dem kapitalistischen Westen, die natürlich Vergleichswerte brauchte – und da bot sich das Wachstum als kompetitives Maß an.

Ludwig Erhard hatte Recht

Noch in Ludwig Erhards in vielen Auflagen erschienenen Bestseller „Wohlstand für alle“ kann man die Forderung an die Ökonomen lesen, sie mögen sich Gedanken für eine Zeit nach dem Güterwachstum machen, denn selbst der „Vater des Wirtschaftswunders“ hielt es nicht für denkbar, dass es ein unbegrenztes Wirtschaftswachstum geben könnte und betrachtete ein solches schon gar nicht als Glücksversprechen.

Recht hatte er, weist doch die internationale Glücksforschung mit Nachdruck darauf, dass das empfundene Lebensglück ab einem sichernden Einkommensniveau (das etwa bei 2000 Dollar pro Kopf und Monat liegt) nicht wächst. Man könnte also, das Konzept einer dienenden Wirtschaft im Sinn, durchaus die Frage stellen, zu was der Wachstumsfetisch nützen soll – besonders dann, wenn man sieht, dass die Werke Vermeers und die Sonaten Beethovens und die Architekturen Palladios zu Zeiten geschaffen wurden, als man das Wachstum so auf 0,0005 Prozent pro Jahr taxieren durfte. Zivilisationsprozess und Wirtschaftswachstum stehen offenbar in keinem engen Zusammenhang. Eher, so könnte man im 21. Jahrhundert befürchten, in einem Spannungsverhältnis. 

Zweifellos war das Wirtschaftswachstum, das besonders die westlichen Gesellschaften nach dem Zweiten Weltkrieg prägte, enorm wichtig dafür, dass die Demokratisierung nach den katastrophalen Experimenten des Totalitarismus gelingen konnte – vor allem deswegen, weil es mittels der durch das Wirtschaftswachstum entstandenen Verteilungsmasse gelingen konnte, die soziale Frage zu deeskalieren und die Bevölkerungen sozial so zu pazifizieren, dass sie brave Demokraten wurden und bis heute große Systemzustimmung zeigen. Exakt in diesem Prozess geschah dann aber jene große Beschleunigung der Konsum- und Verbrauchsraten, die bis heute anhält und die das komplette Gegenteil von Nachhaltigkeit ist.

Denn die nur scheinbar grenzenlose Steigerungsfähigkeit von Auto- und Wohnungsgrößen, die Verkürzung von Produktzyklen, die Obszönität von geplanter Obsoleszenz, die seit Amazon delirierende Bedürfnisweckungsindustrie funktionieren ja nur so lange, als es Ressourcen gibt, die man für die Umwandlung von Natur in Produkte nutzen kann. Da wir aber bereits jetzt in einem Stadium angekommen sind, in dem die künstliche Masse die Biomasse übersteigt, wie Anfang des Jahres das Weizmann-Institut festgestellt hat, ist ein Ende der Externalisierung der Kosten des globalen Konsumexzesses sichtbar: Der Kapitalismus, so schön und geschmeidig er ist, braucht ja nun mal Stoff, den er in Produkte umwandeln kann, und um das zu tun, braucht er Energie, und um den Kram an die Leute zu bringen, braucht er Mobilität, und um die zu erzeugen, braucht er ... ja, genau.

Wirtschaftswissenschaften sollten aus ihrem Dornröschenschlaf erwachen

Bislang funktionierte die Fiktionalisierung der Grenzenlosigkeit des Wachstums nur deshalb, weil die Kosten für Umweltzerstörung durch Stoffumwandlung, Transport und Entsorgung nicht oder nur zum Teil entrichtet wurden. Jetzt, da Erderhitzung, Artensterben und die Verknappung von Ressourcen wie sogar Sand dem Wachstum das Sterbeglöcklein läuten, wird klar, dass auch der Kapitalismus eine Grenze hat: Und die liegt dort, wo er seine eigenen Voraussetzungen konsumiert. Dann ist irgendwann Ende Gelände. Und das ist jetzt. Beziehungsweise war schon. So etwa vor einem halben Jahrhundert, da sind nämlich die hellsichtigen „Grenzen des Wachstums“ erschienen.

Die Berechnung dieser Grenzen war damals eine Sache der Wissenschaft, heute kann jeder sie in Ahrweiler oder an den brennenden Regionen am Mittelmeer, in Kalifornien oder Sibirien sehen. Es war sehr schön mit dem Wachstum, aber es geht leider nicht mehr. Da ist es mehr als bedauerlich, dass die Zunft der Ökonomen, von sehr wenigen und prompt randständigen Vertreterinnen und Vertretern wie Kate Raworth, Sigrid Stagl, Tim Jackson, Niko Paech oder Mathias Binswanger abgesehen, bis heute auch nicht im Entferntesten der Aufforderung Ludwig Erhards nachgekommen ist, eine Ökonomie für die Zeit nach dem Wachstum zu entwickeln.

Tatsächlich sehen wir ja heute in vielen Bereichen der Gesellschaft und Wissenschaft Transformation: Stadtplanung und Architektur setzen Konzepte wie Bauen im Bestand um, in der Industrie werden Elemente einer circular economy experimentiert, in Mobilität, Ernährung und Agrarwirtschaft entwickeln sich Alternativen zur reinen Verbrauchsökonomie. Selbst die Finanzwirtschaft hat verstanden, dass man mit einer Ökonomie der phantasierten Grenzenlosigkeit nicht durch das 21. Jahrhundert kommt.

 

Zum Autor: Harald Welzer ist Sozialpsychologe und Honorarprofessor für Transformationsdesign an der Europa-Universität Flensburg. Außerdem ist er als Publizist tätig und regelmäßiger Gastautor für die E.ON Stiftung.