4. Februar 2021

Gastbeitrag von Harald Welzer

Urban Sustainability – Wie gelingt uns die Stadt von morgen?

Immer mehr Menschen ziehen in den urbanen Raum. Das ist mit einem hohen Verbrauch an Energieressourcen verbunden. Wie können wir die Entwicklung der Städte ökologisch und sozial nachhaltig gestalten?

Die Stadt von morgen gelingt auf jeden Fall, schon deswegen, weil Städte die nachhaltigste Sozialform sind, die wir kennen. Städte überleben die Reiche, Imperien, Regime, Nationalstaaten, die um sie herum entstehen, ein paar Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte bleiben und dann von der historischen Bühne wieder abtreten. Sie überstehen Naturkatastrophen, Kriegszerstörungen, Terroranschläge, selbst Atombomben – Hiroshima ist heute eine Millionenstadt, Nagasaki eine lebendige Großstadt mit mehr als 400.000 Einwohner*innen. Es gibt offensichtlich Gründe, zerstörte Städte wieder aufzubauen und in ihnen weiterzuleben, und trotz aller Starbuckisierung bewahren sich Städte immer noch Eigenheiten; Madrid sieht noch immer nicht aus wie Hannover oder Peking. Städte sind höchst unterschiedlich attraktiv und hässlich, weitläufig und eng, offen und beschränkt. Offenbar ist gerade diese Widersprüchlichkeit eine kulturelle Ressource. Sie garantiert Eigensinn, Identität, Liberalität. Und macht es möglich, bei der konkreten Bearbeitung von Zukunftsproblemen weit vorn zu sein, wie viele lokale Beispiele oder auch das Mayors Climate Protection Agreement zeigen, unter dem mehr als 1000 nordamerikanische Bürgermeister*innen avancierte Klimapolitik betreiben.

Alles dies sind Merkmale des Heterotopischen. Die Stadt lebt von der Verschiedenheit ihrer historischen und regionalen Lagerungen und der Unterschiedlichkeit der Menschen, die in ihr leben. Sie lebt mithin von Uneindeutigkeit, Kontingenz, Vielfalt von Möglichkeitsräumen, Diversität und Offenheit. Das ist ein prinzipieller Widerspruch zur Planbarkeit von Städten und damit auch zu allen Phantasien zur Smart City. Ich erinnere mich noch gut an die Klage einer mit Stadtplanung befassten Informatikerin, die nachgerade verzweifelt darüber war, dass die Daten, mit denen sie arbeiten musste, „völlig veraltet“ waren. Die Art und Weise, wie sich Städte historisch organisiert haben – nämlich höchst individuell –, steht in maximalem Gegensatz zu heutigen Planungsphantasien, denn im Zuge der digitalen Überformung der Welt findet ja ein umfassender Angriff auf alles statt, was ungeplant und heteronom zu sein scheint. Das offenbar gewünschte Ergebnis dieses Angriffs ist das Anbringen eines „digital curtain“, einer Metastruktur aus Software, die sich genauso über alle Administrationen wie über alle Infrastrukturen zu legen beginnt und damit womöglich eine fatale Fehlentwicklung betreibt. Denn eine Zukunft, die – siehe die Corona-Pandemie – mit neuen Bedrohungen vom Starkregen bis zu Cyberattacken konfrontiert ist, braucht vor allem eins: robuste Infrastrukturen. Und all die grandiosen Planungs- und Kontrollphantasien, die großmaßstäblich vom Internet of Things in Gestalt ganzer Planstädte träumen, werden sich blitzartig in Luft auflösen, wenn mal drei oder vier Tage der Strom ausfällt. Keine Gesichtserkennung, kein personenbezogenes Pricing, kein Smartphone mehr, nicht mal mehr Benzin, weil die Pumpen der Zapfsäulen elektrisch funktionieren. Das Tablet kann man dann nur noch verwenden, um ein Brot darauf zu schmieren. Wenn man das Glück hat, im Ernstfall eins zu haben (ein Brot, nicht ein Tablet. Denn woher weiß der Lieferheld, wohin er es bringen soll, wenn sein Smartphone nicht mehr funktioniert?).

Was passiert in der Smart City, wenn der Strom ausfällt?

Überdies sind alle bislang existierenden Utopien der Smart City klinisch reine, asoziale Comics, in denen sorglose Mittelstandsmenschen in intelligenten Umgebungen sediert vor sich hin existieren, geshuttelt von autonomen E-Autos und in den Schlaf gesungen von Alexa. Und die smarte, neue Weltbeglückung spart die nicht gar so smarte, analoge Energieversorgung erstmal sowieso aus; stattdessen wird beständig auf die Energieeinsparungen verwiesen, die das Internet of things künftig ermöglichen wird. Vor allem: In der Smart City gibt es keine soziale Ungleichheit, keine Konflikte, keine Graffities, keine Kriminalität, keine Prostitution, keinen Schmutz usw. usf., also eigentlich überhaupt keine soziale Welt, die ja weder smart noch binär ist.

Solche aseptischen und asozialen Stadtutopien basieren auf einer Ideologie des Solutionismus, nach dem alle Probleme letztlich durch digitale Anwendungen lösbar seien, vorausgesetzt nur, dass sie binär codiert sind. Alles, was in diesem Sinn „dirty“, also nicht binär zu definieren ist, kommt im Solutionismus nicht vor.

Wenn nun von der Wasserversorgung über die Straßen und die Elektrizität, die Verkehrsleitung und den Katastrophenschutz vor zunehmend mehr Infrastrukturen ein „digital curtain“ gehängt wird, um deren vermeintliche oder reale Unzulänglichkeiten zu korrigieren, wird ihre Resilienz erheblich reduziert. Denn es wird bei aller Smartness ja ausgeblendet, dass eine Stadt zunächst mal aus Infrastrukturen besteht, deren Architekturen die Versorgung der Bewohner*innen sicherzustellen haben und so robust ausgelegt sein sollten, dass sie auch im Krisenfall funktionieren. Die digitalen Metastrukturen, die darüber gelegt werden, erhöhen aber die Verletzlichkeit: Denn wenn die Funktion von immer mehr Systemen – der Energie- und Wasserversorgung, der Verkehrssteuerung, der Entsorgung, der Notfallsysteme usw. – vom Funktionieren der Software abhängig ist, die ihrerseits aber nur dann rechnet, wenn sie Strom hat, fällt im Versagensfall gleich ganz viel aus. Auch die sogenannte Umgebungsintelligenz, die gerade installiert wird und etwa für die Navigation autonom fahrender Autos notwendig ist, wird dann blitzartig steindumm.

Die Stadt der Zukunft ist die analoge Stadt

Dazu kommt der ständig wachsende Energiebedarf all der ständig rechnenden Superstrukturen, über die erstaunlich laut geschwiegen wird. Man geht gegenwärtig davon aus, dass allein acht Prozent des deutschen Stromverbrauchs auf das Konto digitaler Anwendungen gehen – soviel mal zur Smartness. Die ist, wie der Französische Think Tank „Shift Project“ berechnet hat, heute für 3,7 Prozent der Treibhausgasemissionen ursächlich, der zivile Flugverkehr, das Symbol für Klimaschädlichkeit schlechthin, für zwei Prozent (und zur Zeit noch erheblich weniger). Geht die Entwicklung bis 2025 so weiter, trägt die Smartness schon acht Prozent zum Verhängnis bei.

In summa: Die Stadt der Zukunft kann nicht smart sein. Die Stadt der Zukunft ist die analoge Stadt. Wahrscheinlich sind die Städte, wie wir sie kennen, gerade deshalb die Sozialform mit der höchsten Beständigkeit, weil ihnen keine Masterpläne zugrunde liegen. Denn die Umfeldbedingungen verändern sich permanent, das nennt man Leben. Und eine Sozialform, die Stärken aus ihrer Heterogenität, Kreativität, Geschichtlichkeit und Identität bezieht, ist besser in der Lage, sich verändernden Bedingungen, Anforderungen und Möglichkeiten anzupassen, als auf Daten basierende Hochrechnungen von Gegenwarten für Zukünfte, die dann sowieso anders eintreten. Städte sind Wandlungskontinua und bleiben identisch, weil sie sich beständig verändern. Der Plan ist demgegenüber systematisch begrenzt und statisch, was in einer sich verändernden Welt ungünstig ist. Zukunft ist eben nie hochgerechnete Gegenwart. Wenn uns das Coronavirus eine Lehre erteilt, dann diese.

Zum Autor: Harald Welzer ist Sozialpsychologe und Honorarprofessor für Transformationsdesign an der Europa-Universität Flensburg. Außerdem ist er als Publizist tätig und regelmäßiger Gastautor für die E.ON Stiftung.