13. Januar 2022

Von Eckart von Hirschhausen

Gesunde Erde – Gesunde Menschen

Hitzefrei! Das gab es zu meiner Schulzeit, wenn es um 10 Uhr morgens 25 Grad hatte. An meiner Berliner Grundschule hing am Eingang ein großes Thermometer in einem Gitterkäfig, der verhindern sollte, dass es geklaut wurde. Die Vorrichtung verhinderte aber nicht, dass wir versuchten, die Werte kurz vor dem Ablesen mit einem Feuerzeug zu manipulieren, um in den Genuss eines freien Vormittags zu kommen, denn Hitzefrei war eine absolute Seltenheit. Aber Erinnerungen trügen. 

Beim Deutschen Wetterdienst (DWD) fragte ich nach: Wie viele Tage gab es in Berlin während meiner Schulzeit mit über 25 Grad um 10 Uhr? Die Antwort: Von 1980 bis 1995 gab es nur vier Tage mit diesen Temperaturen. Im ersten Hitze-Rekordjahr 2003 gab es allein 13! In den letzten fünfzehn Jahren (2005 bis 2020) waren es in der Summe 145 Tage, an denen es nach „meiner“ alten Definition hitzefrei hätte geben müssen. Laut DWD wird die Anzahl der heißen Tage noch zunehmen. Selbst wenn man die Hitzefrei-Voraussetzung auf 30 Grad anhöbe, würde es in siebzig Jahren mehr „Hitzefrei-Tage“ geben, als es Freitage gibt – über 50 pro Jahr! Sollte man also die Freitage heute nicht dafür nutzen, diesen verrückten Zustand nach allen Kräften zu verhindern?

Als es hieß, die Jugend von Fridays for Future solle solch komplexe Dinge doch bitte den Profis überlassen, ließen diese nicht lange auf sich warten. Als Scientists for Future, da waren schnell über 26.000 Unterschriften beisammen – darunter von zwei Nobelpreisträgern –, um klarzustellen: Die Proteste der Jugend sind aus wissenschaftlicher Sicht gerechtfertigt. Weder die deutschen Pläne zum Kohleausstieg noch die Ausbaupläne für erneuerbare Energien oder die Reduktionsbemühungen im Verkehrs- oder Wärmebereich genügen auch nur ansatzweise, um das 1,5-Grad-Ziel bei der Begrenzung der Erderwärmung zu erreichen.

Kann das so einen Riesenunterschied machen, ob es ein paar Grad wärmer wird? Ja. Als Arzt weiß ich: Von 41 auf 43 Grad Körpertemperatur ist es ein großer Sprung. Der über die Klinge. Wir hatten schon 42 Grad in Deutschland. Natürlich ist mir auch der Unterschied von Außentemperatur und Körperkerntemperatur bewusst. Aber wenn allein in Deutschland bei den Hitzewellen 2018 geschätzt 20.000 Menschen vorzeitig starben, ist die Klimakrise ein medizinischer Notfall. Und positiv formuliert auch die größte Chance, etwas für die Gesundheit der Menschen im 21. Jahrhundert zu tun.

Als ich noch Pflegepraktikant war, wurde im Krankenhaus mit Quecksilberthermometern analog Fieber gemessen. Und wehe, wenn eins zerbrach! Dann wurden alle Patient:innen aus dem Zimmer evakuiert, weil das ja ein Nervengift ist. Und die niederste Stufe auf der Hierarchieleiter – sprich der Praktikant – musste die kleinen flinken Kügelchen des flüssigen Metalls aus allen Ecken des Zimmers zusammenkehren. Heute wird digital gemessen. Aber was ich bis vor Kurzem nicht wusste: Fünf Tonnen Quecksilber gelangen jedes Jahr durch Kohleverstromung in die Luft – und wer kehrt die zusammen? Nirgendwo in Europa wird von dem insbesondere giftigen Schwermetall mehr emittiert als in Deutschland.

Es sei kurz an Hermann Scheer erinnert, der sagte: „Weniger als hundert Prozent erneuerbare Energien in Deutschland einzusetzen ist eine Beleidigung der Intelligenz unserer Ingenieure!“ Ich würde sagen: auch eine Beleidigung der Ärzt:innen, Pflegefachkräfte und aller Patient:innen. Deshalb habe ich die Stiftung Gesunde Erde – Gesunde Menschen gegründet, um ein neues Narrativ zu finden, das Lust macht auf die Veränderung, die jetzt ansteht. Wir könnten es schöner haben als jetzt – und viel gesünder! Eine Kommunikation in die Mitte der Gesellschaft, wissenschaftsbasiert, aber auch mit Humor. Ganz im Sinne von Karl Valentin: „Wenn es regnet, freue ich mich. Denn wenn ich mich nicht freue, regnet es auch!“ Oder, um mit den „Fridays“ zu sprechen: „Klima ist wie Bier – warm ist scheiße.“ 

Zum Autor: Dr. Eckart von Hirschhausen ist Arzt, Moderator, Autor und Wissenschaftsjournalist. Er setzt sich für eine medizinisch und wissenschaftlich fundierte Klimapolitik ein, ist Mitglied der Scientists for Future, Unterstützer der „Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit“ (KLUG) und Gründer der Stiftung „Gesunde Erde – Gesunde Menschen“.

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