8. Juli 2021

Die Energiewende braucht mehr als ein neues Narrativ

10 Jahre Gemeinschaftswerk – 3 Empfehlungen für die Zukunft

Stephan Muschick, Martin von Broock

Am 8. Juli 2011 stimmte der Bundesrat dem Atomgesetz und sechs Begleitgesetzen zu. Damit war das Ende der Kernenergie in Deutschland besiegelt. Und der Neustart für die erneuerbaren Energien eingeleitet. Von der nächsten Regierung werden ähnlich mutige Schritte erwartet, um die Energiewende zu beschleunigen. Ansetzen sollte sie dabei beim ursprünglichen Leitmotiv.  

„Ein Gemeinschaftswerk für die Zukunft“ – mit diesem Anspruch ist die Energiewende vor zehn Jahren eingeleitet worden. Der Titel des Abschlussberichts der Ethikkommission „Sichere Energieversorgung“ hat bereits damals signalisiert: Ein Umbau des Energiesystems lässt sich nicht einfach verordnen. Stattdessen sind Kooperationen notwendig, um die tiefgreifenden Veränderungen und damit einhergehende Zumutungen zu legitimieren. Entsprechend zielte die Idee des „Gemeinschaftswerks Energiewende“ nicht nur auf die Zusammenarbeit zwischen Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und zivilgesellschaftlichen Organisationen ab. Sondern insbesondere auch auf die Beteiligung der Bürger*innen. Denn von deren Engagement hängt der Erfolg der Energiewende letztlich ab. Entweder, weil sie notwendige Veränderungen freiwillig mitgestalten. Oder, weil sie der Politik das Mandat zur Neuordnung erteilen. Insofern ist es zutreffend, wenn manche die anstehende Bundestagswahl zur „Klimawahl“ erklären. 

Mitwirkung und Kooperation lassen sich in der Demokratie aber nicht erzwingen. Wer Menschen für Veränderungen gewinnen will, braucht positive Erzählungen und Zukunftsbilder. Kein Panel in den letzten Monaten, auf dem diese Binsenweisheit nicht aus allen Richtungen beschworen wurde. Inzwischen brechen sogar alte „Frontstellungen“ auf. So fordert inzwischen auch die Industrie einen rascheren Ausbau der erneuerbaren Energien. Das Postulat der Klimaneutralität ist unwiderruflich in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Diese Fortschritte sind enorm wichtig auf dem Weg zum „Gemeinschaftswerk Energiewende“. Sie offenbaren ein zunehmend gemeinsames Problemverständnis. Das fehlte zu Beginn des Prozesses, als vielfach noch über das „ob“ und weniger über das „wie“ gestritten wurde. Dennoch: Ein verbindendes Zielbild für das Energiesystem der Zukunft, ganz zu schweigen von einem allgemein akzeptierten Umsetzungsplan sind auch im zehnten Jahr der Energiewende noch nicht in Sicht. Dies wird rasch deutlich, wenn man jenseits allgemeiner (und oft oberflächlicher) Zustimmungsbekundungen tiefer in die Diskussionen und empirischen Daten einsteigt. Wir haben dies in den zurückliegenden Jahren über verschiedene gemeinsame Dialogprojekte und Studien getan. Unser Fazit: Es hakt gleich an mehreren Stellen.   

Energiewende: Hier hakt es ...

    1.     Fehlende Konsistenz:
Tatsächlich herrscht auf den ersten Blick kein Mangel an positiven Erzählungen zur Energiewende. Allerdings sind die unterschiedlichen Narrative von Wirtschaft, Wissenschaft, Umwelt- und Verbrauchergruppen oft nicht miteinander vereinbar. Unter welchen Voraussetzungen lässt sich etwa die Vorstellung einer mit grünem Strom wachsenden Industrie mit der Forderung nach einer Begrenzung von Ausbauflächen für Windräder? Je nach Perspektive stehen hier divergierende Interessen im Vordergrund, aus denen wiederum unterschiedliche Erzählungen entstehen. Enttäuschungen und Vertrauensverluste sind damit programmiert. Umso wichtiger ist es daher, die „Painpoints“ im Gemeinschaftswerk Energiewende konstruktiv anzugehen. Nicht als Widerspruch zu ihrem positiven Narrativ, sondern vielmehr um dessen Umsetzung voranzutreiben. Denn solange positive Zielbilder (etwa eine dekarbonisierte Industrie) losgelöst von konkreten Maßnahmen (z.B. Lenkungswirkungen durch Preisgestaltung) diskutiert werden, fehlt dem Zielbild die Glaubwürdigkeit und der Maßnahme die Legitimationsbasis.   

    2.     Fehlende Inklusion:
Bei Bürger*innen ist grundsätzliche Zustimmung zu Notwendigkeit und Zielen der Energiewende konstant hoch ausgeprägt. Geht es dagegen um spezifische Maßnahmen, vom Netzausbau bis zum Datenteilen via Smart Meter, sinkt die Akzeptanz deutlich. Denn: Bei konkreten Beiträgen zur Energiewende orientiert sich die Mehrheit der Bürger*innen nachweislich am direkten, persönlichen Nutzen. Indirekte, gemeinwohlorientiere Ziele – wie Klima- und Umweltschutz – werden ergänzend, aber eben nachrangig wahrgenommen. Entsprechend laufen bei der Begründung von Maßnahmen moralische Appelle wie auch Verweise auf wissenschaftliche Evidenz allein ins Leere. Notwendig sind stattdessen konkrete Anreize, die an die – teils sehr unterschiedlichen – Lebenswirklichkeiten der Menschen anschließen. Von direkten Partizipationsmöglichkeiten in der Energiebereitstellung (Bürgerenergie oder Mieterstrom) bis zur Nutzung von Smart-Metern (Beteiligung an der „Datenrente“): Energiewende als Gemeinschaftswerk verlangt, den Bürger*innen handfeste Angebote zur Teilhabe am neuen Energiesystem zu unterbreiten. Wer Veränderungen unterstützen und mitgestalten soll, muss auch individuelle Vorteile erkennen können. Das gilt vor allem für einkommensschwächere Gruppen, die über weniger Anpassungsmöglichkeiten verfügen.

    3.     Fehlende Kompromisse: 
Energiewende als Gemeinschaftswerk ist keine Einbahnstraße. Teilhabe und Verantwortung sind zwei Seiten derselben Medaille. Kooperation verlangt grundsätzlich Abstand von Maximalforderungen und die Bereitschaft zu Kompromissen. Ging es 2011 zunächst um das positive Zukunftsbild des Energiesystems, zeigen sich erst auf dem Weg dorthin die Dilemmata: etwa zwischen Klima- und Naturschutz oder Datenteilen und informationeller Selbstbestimmung. Ohne die Bereitschaft, Zumutungen erstens anzuerkennen, zweitens fair zu verteilen und drittens auf dieser Basis anzunehmen, wird es nicht gehen. Dafür müssen die notwendigen Debatten insbesondere vor Ort mit den direkt betroffenen Akteuren geführt und Lösungen ausgehandelt werden. Gerade die Erfahrungen beim Netzausbau zeigen, dass Beteiligungsverfahren gegenseitige Vorteile entfalten können – vorausgesetzt alle Akteure sind zu Perspektivwechseln und Zugeständnissen bereit. Umso wichtiger werden neben fachlichen Kompetenzen auch ethische Kategorien wie Respekt und Toleranz.

Bei der Fortentwicklung des Energiesystems wird die Geschwindigkeit der letzten 10 Jahre nicht ausreichen, um Deutschland bis 2045 klimaneutral zu stellen. An technischen Ideen und politischen Vorschlägen mangelt es nicht. Die knappste Ressource beim Energieumbau ist aber der Faktor Akzeptanz. Umso wichtiger ist es, mehr Menschen mehr einzubeziehen. Hier liegt das große Defizit in der Umsetzung der Energiewende. Viele Akteure – ob Unternehmen oder Bürger*innen – begreifen sich (noch) nicht als Teil des Prozesses. Sie sehen stattdessen andere, allen voran die Politik, in der Verantwortung. Umso wichtiger ist es, sie zur Teilnahme – und Teilhabe – zu gewinnen. Nur so lässt sich die ursprüngliche und vollkommen richtige Intention der Expertenkommission „Sichere Energieversorgung“ verwirklichen: Die Energiewende als Gemeinschaftswerk zu gestalten.


Dr. Stephan Muschick ist Geschäftsführer der E.ON Stiftung. Dr. Martin von Broock leitet das Wittenberg-Zentrum für Globale Ethik (WZGE). Mit verschiedenen Projekten unterstützen sie seit 10 Jahren den gesellschaftlichen Diskurs zur Energiewende.