20. Dezember 2021

Ein Stiftungswegweiser von Stephan Muschick

Der Mensch im Zeitalter der Transformation

Die E.ON Stiftung hat seit einigen Wochen einen neuen Beirat. Vier externe Menschen und vier E.ON Vertreter:innen bringen ihre Expertise und ihre Erfahrungen in die Arbeit der Stiftung ein und bewilligen neue Projekte. In einem meiner Gespräche mit den neuen Beiratsmit­gliedern sagte Petra Gerster zu mir: „Im Kern geht es doch um die Frage, wie wir künftig zusammenleben wollen.“ 

Gemünzt war die Aussage der langjährigen Moderatorin der heute-Nachrichtensendung auf sie selbst, auf die Motivation ihrer eigenen Arbeit – aber auch auf die Arbeit der E.ON Stiftung: Die Frage nach einem gelingenden Zusammenleben der Menschen sei die zentrale des Stiftungshandelns.

Treffender lässt sich der Kern unserer Arbeit nicht beschreiben. Doch wer diese Frage in den Raum stellt, kann nicht neutral sein. Stiftungshandeln, das sich mit dieser Frage befasst, muss eine Idee davon vermitteln, an welchen Faktoren sich ein gelingendes Zusammenleben bemisst. Muss angesiedelt sein im komplexen Zusammenspiel aus menschlichen Bedürfnissen einerseits und gesellschaftlichen Prozessen und Strukturen auf der anderen Seite. Adäquates Stiftungshandeln darf provozieren. Zeitgemäßes Stiftungshandeln ist aber auch dazu da, Vorschläge für Lösungen zu unterbreiten, zu diskutieren, Lösungsideen anderer aufzugreifen und den Raum für die Umsetzung dieser Lösungen zu eröffnen. 

Mit Luhmann

Wenn wir über unsere Zukunft, über unser künftiges Zusammenleben reden, müssen wir verstehen, wie unsere Gesellschaft funktioniert. Niklas Luhmann, der 1998 verstorbene Bielefelder Soziologe, hat einen der größten Beiträge zur Beschreibung und zum Verständnis westlicher Gesellschaften nach dem Zweiten Weltkrieg geleistet. Die Idee einer Gesellschaft als sich selbst organisierendes System aus funktional ausdifferenzierten, nach eigenen Logiken operierenden Subsystemen war richtungsweisend: Sie hat uns gelehrt, dass die Politik, die Wissenschaft, die Wirtschaft, die Kunst, die Medien, die Justiz, dass alle diese Subsysteme eigenen Codes, eigenen Gesetzmäßigkeiten gehorchen. Dass mithin ein allwissender, allumfassender Standpunkt, der alle Probleme löst, in einer ausdifferenzierten Gesellschaft wie der unseren schlicht unmöglich ist.

Hierin liegt eine sympathische Bescheidenheit, die immun gegen jedwede totalitären oder schlicht größenwahnsinnigen Versuchungen zu sein scheint. Das hat nicht zuletzt zum enormen Erfolg unserer marktwirtschaftlichen, demokratischen und rechtsstaatlichen Gesellschaften beigetragen, Zufriedenheit und Wohlstand für alle – oder sagen wir: für die meisten – geschaffen. Die fundamentalen Krisen dieser Tage, die Klimakrise und ganz aktuell die Corona-Pandemie, zeigen aber auch, wie schnell solche funktional ausdifferenzierten Gesellschaften an ihre Grenzen geraten können. Ironischerweise steht Niklas Luhmanns 1963/64 verfasstes Werk Die Grenzen der Verwaltung gerade in diesen Tagen auf zahlreichen Bestseller- und vorweihnachtlichen Empfehlungslisten. Das Gesundheitssystem gerät angesichts vieler schwer an Covid erkrankter Menschen an seine Grenzen, die Wirtschaft ist mit Forderungen nach Begrenzungen des Wachstums konfrontiert.

Grenzen und Begrenzungen allerorten – so scheint es. Doch bei aller Macht der Krisen um uns herum: Verzagt zu sein ist deshalb noch lange nicht angesagt. Hat nicht die Corona-Krise eindrucksvoll gezeigt, zu welchen Leistungen die Wissenschaft in der Lage ist? Ein Impfstoff innerhalb kürzester Zeit – das ist doch was! Aber Wissenschaft und Politik müssen auch miteinander reden, damit die Impfkampagne wirklich funktioniert. Und die Wirtschaft und die Medien und ... Der von Luhmann bemühte Begriff der „strukturellen Kopplung“ erscheint für das, was heute ansteht, allzu technokratisch, allzu blutleer, um einen wirklichen Kick in Richtung Krisenbewältigung zu erzeugen. 

Mit Energie

Dafür ist Energie notwendig, jene Energie, die in der Gesellschaft als ganzer steckt. Die Energie der Gesellschaft – dieses Buch hat Niklas Luhmann nie geschrieben. So können wir uns keiner systemtheoretischen Gebrauchsanweisung bedienen, wenn wir wissen und beschreiben wollen, wie Gesellschaft heute, angesichts einer alles verändernden Klimakrise und einer weiter andauernden Pandemie funktioniert. Wir müssen – bei allen Anregungen und Inspirationen, die Soziologen wie er uns geben können – das Buch von der Energie der Gesellschaft selber verfassen. 

Mit dem vor Ihnen liegenden Journal bekommen Sie eine Idee davon, was damit gemeint sein könnte. Manchmal sind es Grenzüberschreitungen innerhalb des politischen Systems, wie Gesine Schwan sie beschreibt im Falle der von ihr ins Spiel gebrachten kommunalen Klimabeiräte. Manchmal komme es darauf an, Grenzen zu überwinden: zwischen den Interessen des Gemeinwohls zum einen, dem Nutzeninteresse der Kund:innen und dem wirtschaftlichen Interesse des Unternehmens. Martin von Broock buchstabiert das aus in seinem Beitrag über Dilemmata und Chancen des Datenteilens. Unternehmenschef Leonhard Birnbaum schreibt über die Kraft der Innovation, und die im Journal zu Wort kommenden Künstler:innen über die Macht der Kreativität, die den Menschen erst zum Menschen macht. 

Mit Menschen

Apropos Mensch: Ohne Menschen – und möglicherweise hatte Niklas Luhmann genau da seinen blinden Fleck – funktioniert keine Gesellschaft. Ohne Menschen kein Diskurs, keine Ideen, keine Grenzüberschreitung, kein Wohlstand, kein ... Wachstum? Ohne Menschen keine Gesellschaft. Genau hier, das merken Sie, liebe Leserin, lieber Leser dieses Journals, beißt sich die Katze in den Schwanz. Denn eine Welt ohne Menschen wäre womöglich eine, in der die Klimakrise keine solche mehr wäre – aber keine Menschen sind eben auch keine Lösung. Zumindest nicht für uns Menschen.

Was so viel heißt wie: Aus den Krisen unserer Zeit kommen wir nur mit den Menschen heraus. Und die lebenswerte klimaneutrale, digitale, vielfältige, bunte Gesellschaft der Zukunft können nur Menschen gemeinsam mit anderen Menschen gestalten. Die E.ON Stiftung will dazu ihren Beitrag leisten und mithelfen, die eingangs gestellte Frage zu beantworten. Indem sie Menschen ernst nimmt und miteinander ins Gespräch bringt. Indem sie auf menschengemachte Lösungen setzt.

Im vor Ihnen liegenden Journal können Sie Beiträge von Menschen lesen, die mit unserer Stiftung auf ganz unterschiedliche Weise im Austausch stehen. Die uns und unserer Gesellschaft Energie geben. 

Zum Autor: Stephan Muschick ist Geschäftsführer der E.ON Stiftung.

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